Ein Mythos feiert Geburtstag

Der Roswell-Report der US Air Force - "Case Closed"?

50 Jahre Roswell und kein Ende

von Grazyna Fosar und Franz Bludorf

In diesen Tagen feiert ein weltweiter Mythos seinen 50. Geburtstag - der Roswell-Zwischenfall, die angebliche Bergung eines abgestürzten UFOs und seiner Insassen durch die amerikanische Luftwaffe in New Mexico.

Es zeigt sich, daß auch nach einem halben Jahrhundert diese Story noch nichts an Frische und Aktualität verloren hat und immer wieder für eine Überraschung gut ist.

Zunächst einmal rüstete sich allenthalben die UFO-Forscherszene, um das Jubiläum gebührend zu feiern. Eine weltweite Roswell-Initiative wurde ins Leben gerufen - in Deutschland übrigens initiiert durch die beiden Berliner Sachbuchautoren Joachim Koch und Hans-Jürgen Kyborg. Ziel der Aktion war eine Unterschriftensammlung, um das US-Militär dazu aufzurufen, nach 50 Jahren der Weltöffentlichkeit endlich die Wahrheit über Roswell zu sagen.

Da kam es schon einer Überraschung gleich, als am 24. Juni folgende Meldung durch die Nachrichtenagenturen der Welt tickerte: Die US Air Force hat tatsächlich nunmehr einen über 230 Seiten dicken Bericht über Roswell veröffentlicht.

Wie das? Ist der Respekt vor der UFO-Forscherszene bei den Militärs mittlerweile so groß geworden, daß man endlich Schritte unternahm, um uns alle nicht "dumm sterben" zu lassen?

Ganz so ist - bei allem Respekt für die ehrlichen Bemühungen vieler Privatforscher in aller Welt - die Geschichte nicht gelaufen. Anlaß der umfangreichen Studie war eine Initiative des US-Kongreßabgeordneten Steven Schiff aus New Mexico. Er hatte 1994 auf Bitten der UFO-Forscher bei der Armee angefragt und war auf recht harsche Weise abgewiesen worden.

Doch der Abgeordnete ließ sich dies nicht so einfach gefallen, denn er vertrat die Ansicht, daß die Volksvertreter nicht zum Spaß gewählt wurden, und so schaltete er den US-Rechnungshof ein, dem auch geheime Regierungsdienststellen Rede und Antwort stehen müssen.

Das Ergebnis liegt nun vor in Form des umfangreichen Berichts mit dem Titel "The Roswell Report - Case Closed". Dieser Bericht erhebt also sogar den Anspruch, so erschöpfend zu sein, daß der Fall nunmehr als abgeschlossen zu betrachten ist.

Um es kurz zu machen: Das einzig Positive an diesem Bericht ist es in der Tat, daß das Militär erstmals zugab, daß es einen Roswell-Fall überhaupt je gab.

Bevor wir uns an die Einzelheiten des Berichts machen, wollen wir noch einmal kurz die Chronologie der Ereignisse von Roswell skizzieren.

Am 4. Juli 1947 beobachteten mehrere Augenzeugen in der Nähe von Roswell ein leuchtendes Objekt, das in einer einsamen Gegend abstürzte.

Wenig später entdeckte der Farmer William "Mac" Brazel auf einer seiner Schafweiden mehr als einen Kilometer weit verstreute Metalltrümmer aus einem unbekannten Material, das dünn wie Papier war und sich dennoch mit Werkzeugen nicht zerstören ließ. Er benachrichtigte den Sheriff, der wiederum die Luftwaffenbasis in Roswell alarmierte.

Major Jesse Marcel, Geheimdienstoffizier des 509. Bombergeschwaders in Roswell (des einzigen, das damals bereits mit Atomwaffen ausgerüstet war), wird mit der Untersuchung des Falles betraut. Er besichtigt die Brazel-Farm und läßt das Material abtransportieren.

Am 8. Juli ermächtigt der Kommandant des 509. Bombergeschwaders, Oberst Blanchard, seinen Presseoffizier zur Herausgabe einer Pressemeldung, wonach in der Nähe von Roswell ein außerirdisches Raumschiff abgestürzt sei. Diese Meldung wird am nächsten Tag im "Roswell Daily Record" veröffentlicht.

Zeitungsbericht im Roswell Daily Record
Major Marcel zeigt den Anwesenden das "Cover-Up-Material".

Einen Tag später veranstaltet General Ramey in Anwesenheit von Major Marcel eine Pressekonferenz in Fort Worth, Texas, wo die angeblichen Wrackteile gezeigt werden mit dem Hinweis, es handele sich lediglich um einen "Wetterballon". Ein Meteorologe identifiziert das Material einwandfrei. Die hochqualifizierten Offiziere von Roswell werden so vor aller Öffentlichkeit praktisch als Deppen hingestellt, die einen Wetterballon für eine fliegende Untertasse gehalten haben.

Sämtliche Augenzeugen, inklusive Major Marcel, bekunden später, daß das dort gezeigte Material nichts mit dem von der Absturzstelle zu tun hatte, sondern ausgetauscht wurde.

In der Zukunft werden Zeugen vom Militär unter Druck gesetzt und zum Schweigen verpflichtet. Mac Brazel wird urplötzlich zu einem reichen Mann und zieht in eine andere Gegend.

Spätere Recherchen ließen UFO-Forscher auf weitere Augenzeugen stoßen, die sogar von einer Bergung von Leichen außerirdischer Insassen aus dem Raumschiff berichten. Die Körper seien zum Roswell-Armee-Hospital gebracht und dort autopsiert worden.

Sehr viel später gesteht die Air Force öffentlich ein, daß die Wetterballon-Geschichte eine bewußte Falschinformation gewesen sei, um den wahren Grund des Zwischenfalls zu vertuschen, bei dem es sich um einen streng geheimen Spionageballon des sogenannten Mogul-Projekts gehandelt habe. Mit Hilfe dieser Ballons habe man in den späten vierziger Jahren ausspionieren wollen, ob die Sowjets bereits Nuklearwaffenversuche anstellten.

Diese Erklärung erschien von Anfang an wenig glaubwürdig, da in den inzwischen freigegebenen Mogul-Akten kein Absturz eines solchen Ballons im fraglichen Zeitraum vermerkt war.

Angebliche "Alien-Autopsie" aus dem sogenannten Santilli-Film

Im Jahre 1995 machte der Roswell-Fall erneut Schlagzeilen, als der englische Filmproduzent Ray Santilli einen angeblich authentischen Film über die Autopsie eines der außerirdischen Wesen von Roswell auf den Markt brachte.

Leider erwies sich der mittlerweile weltberühmte "Santilli-Film" als äußerst dubios. Niemals wurde das Geheimnis über den Kameramann gelüftet, der nunmehr angeblich das Material zum Kauf angeboten hatte.

Das im Film gezeigte Wesen entspricht in keiner Weise den Augenzeugenberichten von 1947. Es hat zum Beispiel sechs Finger und Zehen, während die Zeugen von vierfingerigen Händen sprachen. Alle noch lebenden Zeugen halten den Film für eine Fälschung. Möglicherweise zeigt er die Autopsie eines Menschen, der an der seltenen Progerie-Krankheit litt, einer Krankheit, die zu vorzeitiger Alterung im Kindesalter führt und zu ähnlichen Entstellungen führen kann, wie sie im Film zu sehen sind.

Nun aber zu dem jetzt freigegebenen Bericht der US Army.

Man darf es sich nicht so vorstellen, daß in diesem Bericht klar und deutlich gesagt wird, beim Roswell-Zwischenfall sei exakt und nachweisbar dieses oder jenes geschehen. Hierfür wären wohl auch kaum 230 Seiten nötig gewesen, sondern nur die Veröffentlichung der entsprechenden Dokumente.

Statt dessen haben hier Armeeangehörige, die ganz offenbar selbst die Wahrheit nicht kannten, einige Jahre in alten Militärakten recherchiert und noch lebende Zeugen befragt, ganz ähnlich wie die diversen UFO-Forscher, die ja zum Roswell-Zwischenfall bereits reichlich Veröffentlichungen auf den Markt gebracht haben.

Fazit des Berichtes ist es deshalb auch nicht, daß definitiv kein Raumschiff in Roswell abgestürzt sei, sondern lediglich, daß man für einen solchen Sachverhalt keinerlei Beweise gefunden habe. Da andererseits das Mogul-Projekt zur fraglichen Zeit in der betreffenden Region stattfand, wird der Absturz eines solchen Ballons auf dem Gelände der Brazel-Farm lediglich als die naheliegendste Erklärung akzeptiert.

Jedenfalls führt der Bericht eine ganze Reihe von Zeugen auf, die bestätigen, daß das Material auf den Fotos von der Pressekonferenz in Fort Worth dem eines Mogul-Ballons "ähnelt".

Dennoch ist diese Erklärung voller Widersprüche. Zunächst bleibt festzuhalten, daß die UFO-Story nicht etwa eine spekulative Erfindung einiger cleverer Ufologen ist, sondern auf eine offizielle Pressemitteilung der Luftwaffenbasis in Roswell zurückgeht und als Schlagzeile im "Roswell Daily Record" veröffentlicht wurde.

Wieso - und das kann nicht oft genug wiederholt werden - wußten einige der bestausgebildeten Luftwaffenoffiziere Amerikas nicht, wie ein Wetterballon aussieht, und deklarierten ihn zur fliegenden Untertasse?

Auf diese zentrale Frage muß der Roswell-Report der Armee eine überzeugende Antwort schuldig bleiben. Es heißt dort lediglich, es habe sich offenbar um eine "Überreaktion" von Oberst Blanchard und Major Marcel gehandelt, die gefundenen Trümmer als "fliegende Scheibe" zu bezeichnen, "zu einer Zeit, als niemand sicher wußte, was dieser Begriff überhaupt bedeutet, da er erst seit wenigen Wochen in Gebrauch war".

[Der Begriff "fliegende Untertasse" wurde von dem amerikanischen Geschäftsmann Kenneth Arnold geprägt, der im Juni 1947 von seinem Privatflugzeug aus einige unidentifizierbare Flugobjekte sichtete.]

Diese Lesart widerspricht wiederum der Aussage von Major Irving Newton, die im Roswell-Report an anderer Stelle zitiert wird. Newton war Meteorologe und zu jener Zeit in Fort Worth als zuständiger Wetteroffizier stationiert. Er war es, der bei der Pressekonferenz das Material als "Wetterballon" identifizierte (eine Aussage, die sich ja später als falsch herausstellte, selbst wenn es sich tatsächlich um einen geheimen Spionageballon gehandelt haben sollte). Laut Newtons offizieller Aussage kann Major Marcel nicht nur einen unglücklichen Ausdruck gewählt haben, denn "während ich [Newton] noch die Trümmer untersuchte, hob Major Marcel einige Stücke auf und versuchte mich zu überzeugen, daß einige Symbole darauf außerirdische Schriftzeichen seien. Es waren Symbole auf den Stöcken, in Lavendel- oder Pinkfarbe..."

Und jetzt wird es bizarr. Oberst Albert C. Trakowski, seinerzeit Projektoffizier des Mogul-Projektes, gab den Roswell-Untersuchern zu Protokoll, die Radarzielpunkte für die Mogul-Ballons seien kurz nach dem zweiten Weltkrieg von "Spielzeugfabrikanten" hergestellt worden, die ein pinkfarbenes Klebeband mit Blümchen- oder Herzchenmuster verwendet hätten.

Er verlangt damit von der Öffentlichkeit allen Ernstes zu glauben, daß

die US-Luftwaffe Spionageballons mit Blumenmuster verwendete, um sowjetische Atombombenversuche auszuspionieren.

ein gutausgebildeter Geheimdienst- und Luftwaffenoffizier wie Major Marcel derartige Blumen- und Herzmuster für Hieroglyphen von Außerirdischen hielt und dies öffentlich vertrat.

Insgesamt gibt die US-Luftwaffe jedenfalls zu, daß es einen irgendwie gearteten Roswell-Zwischenfall gegeben hat. Es blieb ihr auch nichts anderes übrig, angesichts der damaligen Pressemeldungen. Lediglich das Ausmaß des Ereignisses sei später von Ufologen hochgespielt worden.

Tatsächlich hat die US Air Force Experimente mit Gummipuppen gemacht, allerdings erst knapp 10 Jahre nach Roswell, und wie "Außerirdische" sahen diese Puppen auch nicht aus.

Und damit kommen wir zum zweiten Teil der Geschichte, nämlich zu den angeblich geborgenen Leichen von Außerirdischen. Hierbei, so heißt es, habe es sich um Gummipuppen gehandelt, die an Fallschirmen aus Militärflugzeugen abgeworfen wurden, um Bergungsoperationen zu üben.

Derartige Experimente haben tatsächlich in New Mexico stattgefunden, allerdings erst zwischen 1954 und 1959. Wie ist diese zeitliche Diskrepanz von nahezu zehn Jahren zu erklären? Hier sagen die Air-Force-Ermittler lakonisch, die UFO-Forscher hätten wohl ihre Daten durcheinandergebracht.

Überhaupt wird in dem Bericht an vielen Stellen versucht, Augenzeugen auf ähnliche Weise zu diskreditieren. Die Befragungen durch UFO-Forscher fanden ja durchweg erst seit den späten siebziger Jahren statt, wo eben viele Augenzeugen des Vorfalls von 1947 "schon alt" gewesen seien und einiges durcheinandergebracht hätten - ein Vorwurf, der sich ganz offenbar auch gezielt gegen Major Jesse Marcel richtet, der kurz vor seinem Tod nochmals öffentlich bekräftigt hat, in Roswell sei ein UFO abgestürzt.

Auf jeden Fall sehen die Gummipuppen in keiner Weise den beschriebenen "Außerirdischen" ähnlich. Es wurden Fotos und Filmaufnahmen von derartigen Bergungsoperationen veröffentlicht, in denen auch zu sehen war, wie die abgestürzten Puppen in typische Leichensäcke gepackt und auf Bahren verfrachtet wurden. Ist dies tatsächlich die übliche Vorgehensweise, um eine abge stürzte Testpuppe abzutransportieren?

Und damit wären wir bei der ominösen Obduktion im Hospital der Roswell-Luftwaffenbasis, für die es einige noch lebende Zeugen gibt, zum Beispiel Sergeant Kaufmann und den Leichenbestatter von Roswell, bei dem die Army damals angeblich nach "Kindersärgen" angefragt hatte.

Hier - so heißt es im Bericht der Armee - müsse wohl wieder eine zeitliche Verwechslung stattgefunden haben. Es habe sich dabei wohl um den Absturz eines Armeeflugzeuges vom Typ KC-97 im Jahre 1956 gehandelt, bei dem elf Mann zu Tode gekommen seien. Waren sie etwa so klein, daß man für sie Kindersärge gebraucht hätte?

Dies sind bei weitem noch nicht alle Widersprüche in dem Bericht, die sogar der skeptischen Tagespresse teilweise aufgefallen sind. Im Gegensatz zum Untertitel "Case Closed" ist der Roswell-Fall also noch nicht abgeschlossen.

Zusammenfassend ist zu betonen, daß auch dieser offizielle Armeebericht nicht behauptet, die "Wahrheit" ans Tageslicht gebracht zu haben, sondern er enthält ebenfalls nur Mutmaßungen, was nach Ansicht der Armee "möglicherweise" in Roswell 1947 geschehen sei. Immerhin wird nicht mehr bestritten, daß irgendetwas geschehen ist.

Die UFO-Szene wird sicher nun weiter von einer Vertuschungskampagne reden und behaupten, die Armee sei im Besitz eines abgestürzten UFOs und der Leichen seiner Insassen. Dies ist angesichts dieses Berichts durchaus möglich, aber nicht unbedingt zwingend.

Der Grund ist, daß auch das UFO-Phänomen selbst in sich widersprüchlich ist und damit immer wieder zu seiner eigenen Vertuschung beiträgt. Auch die UFO-Forscher können nicht von sich behaupten, die letzten schlüssigen Beweise in der Hand zu halten.

Was dagegen klar erkennbar ist, ist die Tatsache, daß die Armee ein Interesse daran zu haben scheint, den Mythos Roswell am Leben zu erhalten. Da sie nun zu einer offiziellen Stellungnahme gezwungen war, wäre dieses Ziel aber nur zu erreichen mit Hilfe einer fadenscheinigen, leicht durchschaubaren Desinformation.

Ein kollektiver Mythos, der große Bevölkerungsgruppen eint, könnte interessantes Material für großangelegte Psychotests abgeben, vielleicht sogar für die Manipulation des Bewußtseins großer Bevölkerungskreise. Größere Menschengruppen lassen sich nun einmal leichter lenken und beeinflussen als Einzelpersonen, und so sind gezielte Desinformationen von beiden Seiten (s. Santilli-Film) auch geeignet, möglicherweise ganz andere Aktivitäten zu vertuschen bzw. von ihnen abzulenken. Wer dahintersteckt, ist durchaus unklar - vielleicht Militärkreise, vielleicht aber auch eine ganz andere Intelligenz, von der wir noch kaum eine Vorstellung haben.

Man wird jedenfalls bei der Lektüre des offiziellen Roswell-Reports der US Air Force den Eindruck nicht los, daß wir merken sollen, daß er ein Schwindel ist!

"Case Closed" - doch die Wahrheit ist immer noch da draußen. Happy Birthday, Roswell!