Das Geheimnis von Brown Mountain

Mysteriöse Lichterscheinungen - Zwischen Folklore und Wissenschaft

Franz Bludorf

Die berühmten Brown Mountain Lights. Aufnahme von Joshua P. Warren

Sie sind eines der langlebigsten (und am verläßlichsten beobachtbaren) unerklärbaren Phänomene der USA - die mysteriösen nächtlichen Lichter am Brown Mountain in North Carolina. In der örtlichen Folklore haben die rätselhaften Erscheinungen längst einen festen Platz. In Folksongs wurden sie besungen, zahllose Geschichten  wurden um sie gewoben und über Jahrhunderte weitererzählt. Selbst die Mystery-Serie „Akte-X“ widmete den Brown Mountain Lights eine Folge. Ungeachtet der bekannten Vorliebe von Special Agent Fox Mulder für alles Außerirdische wurden die Lichter dort übrigens nicht mit UFOs in Verbindung gebracht, sondern mit einem unterirdisch wachsenden Pilz, dessen Absonderungen bewußtseinsverändernd wirkten.

Im Gegensatz zu den meisten paranormalen Phänomenen, die sich nur sporadisch und unvorhersehbar manifestieren und daher lediglich durch Augenzeugenberichte und Amateurfotos dokumentierbar sind, erscheinen die Brown Mountain Lights mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder. Dies ermöglichte es auch Wissenschaftlern, sich systematisch mit dem Phänomen auseinanderzusetzen. Doch auch nach Jahrzehnten der Forschung  ist man bis heute von einer wirklich befriedigenden Erklärung noch weit entfernt.

Im Februar 2012 fand in der Stadt Morganton, North Carolina, ein Symposium über die Brown Mountain Lights statt, auf dem sich Wissenschaftler, Grenzwissenschaftler, Tourismusexperten sowie über 100 interessierte Zuhörer über den derzeitigen Erkenntnisstand über die seltsamen Lichterscheinungen austauschten.

Es begann vor fast 100 Jahren

Die Brown Mountain Lights sind den Bewohnern der Blue Ridge Mountains in North Carolina seit mindestens 800 Jahren bekannt. Der erste publizierte Bericht über eine Sichtung erschien allerdings erst am 24. September 1913 im Charlotte Daily Observer, der größten Tageszeitung in North Carolina. Ein Angler aus der Gegend hatte berichtet, er sähe Nacht für Nacht dicht über dem Horizont mysteriöse Lichter. Sie seien von roter Farbe und hätten eine ausgeprägt kreisförmige Gestalt.

Der Bericht weckte natürlich das Interesse zahlreicher Leser, und viele von ihnen versuchten - oft erfolgreich - die Erscheinungen auch zu beobachten. Einer von ihnen war D. B. Stewart, Mitarbeiter beim United States Geological Survey, einer wissenschaftlichen Behörde des US-Innenministeriums, die unter anderem auch für Kartographie zuständig ist. Stewart kam zu dem Schluß, es handele sich um Fehlinterpretationen. Die Leute hätten lediglich Scheinwerfer von Lokomotiven gesehen.

Interessanterweise war das Thema damit - auch für die Fachwelt - noch nicht erledigt. Im Laufe der folgenden Jahre kam es immer wieder zu den rätselhaften Sichtungen, und so startete das United States Geological Survey 1922 eine systematische Untersuchung des Rätsels. Die Forscher bestätigten im Wesentlichen Stewarts Interpretation und erweiterten sie nur dahingehend, daß es sich auch um Autoscheinwerfer, Feuer oder Laternen gehandelt haben könnte.

Doch die weiteren Ereignisse machten dieser zu oberflächlichen Deutung einen Strich durch die Rechnung. Kurz nach Fertigstellung der Studie kam es in der Gegend zu einer gewaltigen Überschwemmung. Durch die Naturkatastrophe fiel in der gesamten Region die elektrische Stromversorgung zeitweise aus, und auch Eisenbahnzüge konnten nicht fahren, Autostraßen und Brücken waren unpassierbar. Die Brown Mountain Lights machten sich nichts daraus. Sie wurden weiter beobachtet.

Eine Touristen­attraktion

Die Brown Mountain Lights sind heute für die Gegend eine regelrechte Touristenattraktion geworden, denn sie können dort nach wie vor regelmäßig beobachtet werden. Die beste Jahreszeit soll angeblich der Herbst sein, zwischen September und Anfang November, vor allem, wenn die Bäume das Laub bereits abgeworfen haben und die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht schon recht groß sind.

Der Brown Mountain Overlook am Blue Ridge Parkway.
Diese Tafel weist die Besucher auf die Brown-Mountain-Lights hin. Der Text lautet auf Deutsch: "Der lange, gleichförmige Berggipfel in der Entfernung ist Brown Mountain. Seit uralter Zeit haben Menschen dort seltsame tanzende Lichter gesehen, die über dem Berg aufsteigen und wieder verschwinden."
Und wenn man Glück hat, kann man in einer klaren Nacht die Lichter sehen.

Es gibt mehrere gute Beobachtungsposten. Der bekannteste ist am Blue Ridge Parkway, am Meilenstein 310 (Brown Mountain Light Overlook, siehe Foto nächste Seite) sowie am Meilenstein 301 (Green Mountain Overlook). Aber auch vom North Carolina Highway 181 zwischen Morganton und Linville hat man eine gute Sicht auf das Phänomen. Auch vom Gipfel des Table Rock bei Morganton wurden schon Sichtungen gemeldet. Andere Augenzeugen bevorzugen als Aussichtspunkt den „Wisemans View“, etwa vier Meilen von Linville Falls.

Bis heute wurde keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen der Brown Mountain Lights gefunden, so daß in der Bevölkerung und bei Grenzwissenschaftlern die Spekulationen weiter blühen. Die oft geäußerte Ansicht, es handele sich um UFOs, ist dabei übrigens gar nicht so plausibel. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um ein atmosphärisches, sondern um ein terrestrisches Phänomen. Die Lichtkugeln werden in der Regel nicht hoch am Himmel schwebend, sondern dicht über dem Horizont, oft auch zwischen den Bäumen, auf jeden Fall in Bodennähe beobachtet.

Augenzeugen berichten, daß die roten und blauen Lichter plötzlich hinter den Bergen auftauchen. Sie tanzen auf und ab und geben dabei zuweilen auch zischende Geräusche von sich. Sie haben anfangs etwa die doppelte Größe eines Sterns, können aber relativ schnell ihre Größe ändern. Häufig sind es so viele, daß man sie unmöglich zählen kann.

Das Symposium von Morganton

„Was die Brown Mountain Lights“ so großartig macht, ist, daß sie ein leeres Blatt sind, auf das jeder seine Vorstellungen, seine Träume, seine Visionen projizieren kann.“, sagte Joshua P. Warren aus Asheville, North Carolina, in seinem Vortrag auf dem Symposium über die Brown Mountain Lights. Das Treffen fand am 11. Februar 2012 in Morganton statt, der Verwaltungshauptstadt von Burke County, in dem sich auch der Brown Mountain befindet. Joshua P. Warren ist in den Blue Ridge Mountains in North Carolina geboren und aufgewachsen und hat bereits mehrere Bücher über unerklärbare Phänomene veröffentlicht. Er führt auch eigene wissenschaftliche Forschungen durch. So leitete er eine Expedition zum Brown Mountain, bei der die ersten nachweisbar authentischen Fotos der Brown Mountain Lights entstanden. Mit Hilfe von Experimenten mit Plasma, die er selbst im Labor durchführte, konnte Warren auch zu einer möglichen wissenschaftlichen Erklärung für die Brown Mountain Lights beitragen. Joshua P. Warren konnte über seine Forschungen bereits mehrfach in den Medien berichten, u. a. im Discovery Channel und bei National Geographic.

Das Kingston Trio - weltberühmt durch „Tom Dooley“ - besang in einem seiner Hits die Brown Mountain Lights.

Mit seiner oben zitierten Äußerung bezog sich Warren auf die örtliche Folklore, die die Brown-Mountain Lights u. a. mit einer rund 800 Jahre alten Indianerlegende in Verbindung bringt. Sie erzählt von den Geistern verstorbener indianischer Jungfrauen, die auf der Suche nach ihren Liebsten sind, die im Kampf gefallen sind. Die Cherokees dagegen halten die Lichter für die Seelen gefallener Krieger. Andere Geschichten erzählen von einem verstorbenen Sklaven, der bei Nacht aus dem Grab steigt, um seinen Herrn zu suchen, und dabei eine Laterne vor sich herträgt - ein Motiv, das auch von dem bekannten Folksong aufgegriffen wurde, den u. a. das Kingston Trio interpretierte.

Joshua P. Warren selbst sucht eine Erklärung für das Phänomen der Brown Mountain Lights eher in der Physik als in der Mystik. Durch unterirdische Wasserläufe, so seine Vermutung, könnte das Land am Brown Mountain zu einem Kondensator werden, und im Wasser gelöste Gerbsäure könnte genug Elektrizität erzeugen, um durch elektrische Entladungen Licht zu emittieren.

Dan Caton, Professor für Physik an der Appalachian State University, hält das vorliegende Beweismaterial noch für unzureichend, um derart konkrete Hypothesen aufzustellen. Er bezweifelt auch, daß bestimmte Jahreszeiten das Erscheinen der Lichter begünstigen könnten.

Manche Wissenschaftler ziehen als Erklärung die spontane Selbstentzündung von Sumpfgas in Betracht. Das erinnert an ein Zitat von Fox Mulder aus einer anderen Folge von „Akte-X“: „Das passiert mir nur, wenn ich Zwiebeln esse!“ Das  Problem bei dieser Hypothese ist, daß es in der Gegend keine Sümpfe gibt. Andere machen Phosphoreszenz von vermodernden Baumstämmen, Radium-Emanationen aus dem Erdreich, chemische Reaktionen oder St. Elms-Feuer verantwortlich. So richtig befriedigend ist keine der Hypothesen. Noch eine Variante: Die Berge in der Gegend formen eine Art Bassin, in das Luftschichten unterschiedlicher Temperatur eindringen, wodurch instabile atmosphärische Bedingungen entstehen, die vielleicht die Lichter verursachen können.

Szenenfoto aus der Mystery-Serie „Akte-X“: Special Agent Fox Mulder (David Duchovny) vom FBI untersucht am Brown Mountain den Schauplatz einer X-Akte.

Ed Philips, der Direktor der Tourismusbehörde von Burke County und Organisator des Symposiums, appellierte an die Experten, Antworten auf die Fragen der Besucher von Brown Mountain zu finden. Philips weiter: „Mein Job ist es, einzigartige Dinge in Burke County zu finden und sie zu promoten, und die Lichter sind sicher so etwas. Sie sind real. Tausende und Abertausende von Menschen haben sie gesehen. Und es gibt etwas, was diese Lichter erzeugt.“

Die Frage stellt sich allerdings, ob die Brown Mountain Lights noch die gleiche Anziehungskraft für die Menschen besitzen würden, wenn die Wissenschaft sie eines Tages tatsächlich „entzaubern“ sollte?