Synthetische Evolution

Wissenschaftler simulieren die menschliche Entwicklung in der Zukunft

Grazyna Fosar und Franz Bludorf

Ein bißchen unheimlich wirkt es schon, wie sich heutige Forscher die Menschen in etwa 100.000 Jahren vorstellen. Maskenhafte Gesichter, ebenmäßig gestaltet wie vom Reißbrett, mit übergroßer Stirn, starren uns aus riesigen dunklen Augen an. Ist das unsere Zukunft?

Untersuchungen an Schädelfunden aus der Steinzeit haben ergeben: Unsere Vorfahren hatten zum Teil vollkommen andere Schädelformen als der heutige Mensch. Die Entwicklung zu unserem heutigen Aussehen setzte vor etwa 800.000 Jahren ein. Damals kühlte sich das Klima auf der Erde rapide ab, mehrere Eiszeiten setzten ein. Der Evolutionsdruck zwang die frühen Menschen, ein größeres Gehirn zu entwickeln. Nur durch höhere Intelligenz war es ihnen möglich, mit den widrigen Umweltbedingungen auf Dauer klarzukommen, zu überleben und Nachwuchs in die Welt zu setzen. Die Entwicklung brauchte dafür, wie immer bei der natürlichen Evolution, lange Zeit. Noch im späten Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit hatten die Menschen eine weniger hohe Stirn als heute, wie bildliche Darstellungen und Skelettfunde aus jenen Zeiten beweisen.

Es ist klar: Auch in Zukunft wird sich das Aussehen der Menschen verändern. Und wir können davon ausgehen, dass die Entwicklung sich im Vergleich zur Vergangenheit sogar beschleunigen wird. Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist der Mensch der Evolution nicht nur passiv unterworfen. Mit Sicherheit wird die Wissenschaft in der Genetik und Evolutinsbiologie in zukünftigen Jahrtausenden Fortschritte machen, die wir uns heute noch kaum vorstellen können. Gleichzeitig wird der Mensch der Zukunft aller Voraussicht nach ganz andere Umweltbedingungen vorfinden als in unserer Zeit. Es ist anzunehmen, dass die Wissenschaft auf diese Herausforderungen reagieren und den Menschen entsprechend genetisch „designen“ wird, um ihn an die veränderten Bedingungen optimal anzupassen.

Die Simulation von Alan Kwan

All das liegt im Grunde außerhalb unserer Vorstellungskraft, und doch ist es Wissenschaftlern schon heute möglich, Vermutungen über die zukünftige Entwicklung anzustellen. Dies hat Dr. Alan Kwan getan, Professor of Computational Genomics an der Universität Washington. Dieser noch junge Wissenschaftszweig beschäftigt sich mit der compu­tergestützten Analyse von Genomsequenzen. Es ist ein Teilgebiet der Bioinformatik, das sich nicht nur mit einzelnen Genen, sondern mit kompletten Genomen (also der vollständigen Erbinformation eines Lebewesens) befaßt.

Zunächst einmal nahm Kwan an, die bereits seit einigen 100.000 Jahren anhaltende Evolution des menschlichen Gehirns müsse sich fortsetzen. Das bedeutet, dass auch der menschliche Hirnschädel anwachsen müsste und daher zukünftige Menschen eine noch höhere Stirn hätten als heute.

Doch auch die Umweltbedingungen der Zukunft werden, wie gesagt, aller Voraussicht nach ganz anders als heute sein. Interstellare Raumfahrt wird für die Menschheit alltäglich und nicht nur ein paar ausgewählten Astronauten vorbehalten sein. Das bedeutet aber, dass zukünftige Menschen über lange Zeit, vielleicht sogar ihr ganzes Leben lang, ohne natürliches Sonnenlicht auskommen müssen.

Die natürliche Evolution hat bei Tieren, die nachtaktiv sind oder aus anderen Gründen unter schlechten Lichtverhältnissen leben müssen (z. B. in dunklen Höhlen), in der Regel sehr große Augen hervorgebracht, um das vorhandene Restlicht besser nutzen zu können. Beispiele sind etwa die Eulen oder die Lemuren auf Madagaskar.

Auch der Mensch der Zukunft wird daher nach Ansicht von Alan Kwan übergroße Augen haben. Seine Augenlider werden vermutlich dicker werden, um die empfindlichen Augen vor der Auswirkung kosmischer Strahlung besser schützen zu können. Aus dem gleichen Grund ist es zu erwarten, dass die menschliche Haut mehr Pigmente entwickeln wird, die Menschen der Zukunft also einen dunkleren Hautton haben dürften als heutige Mitteleuropäer. Um dies alles zu erreichen, müssen die Menschen in Zukunft nicht die natürliche Evolution abwarten, die all jene „aussterben“ läßt, die sich nicht entsprechend anpassen. Durch Designergene wird man die entsprechenden Körpermerkmale künstlich hervorbringen, wobei man, wie gesehen, sogar auf Vorbilder aus der Natur zurückgreifen kann.

Schönheitschirurgen dagegen werden in der Zukunft vermutlich arbeitslos werden. Das genetische Design eines Menschen wird noch vor seiner Geburt sicherstellen, daß niemand mehr mit dem Handicap eines unschönen Aussehens auf die Welt kommen muß. Zukünftige Menschen dürften also Gesichtszüge haben, die weitgehend symmetrisch sind und sich dem Schönheitsideal des Goldenen Schnitts annähern. Individuelle Unterschiede im Aussehen werden auf diese Weise nivelliert werden, der Mensch der Zukunft wird eher ein „Standardmodell von der Stange“ sein. Heute bereits existierende Techniken wie z. B. die „Google Glass“-Brille, mit deren Hilfe man sich Informationen aus dem Internet direkt ins Sichtfeld einblenden lassen kann, werden vermutlich direkt „in den Menschen integriert“, indem man z. B. entsprechende Kontaktlinsen trägt.

Nickolay Lamms Visualisierung

Der junge Künstler und Wissenschaftler Nickolay Lamm aus Pittsburgh hat - in Zusammenarbeit mit Alan Kwan - die möglichen Veränderungen des menschlichen Aussehens per Computersimulation visualisiert und das Resultat in seinem Blog veröffentlicht. Derartige Simulationsprogramme, um das Aussehen eines Menschen durch bestimmte Vorgaben zu verändern, sind ja bereits seit Längerem im Einsatz. So können Ermittler der Kriminalpolizei einen Menschen, von dem sie nur ein Jugendfoto haben, am Computer „altern“ lassen, um sein heutiges Aussehen abzuschätzen. Auch Phantombilder werden heutzutage eher am Computer als mit dem Zeichenblock erstellt.

Die Simulation von Alan Kwan und Nickolay Lamm ist in der Wissenschaft heftig umstritten. Der Wissenschaftsjournalist Matthew Herper vom Forbes-Magazin kritisiert z. B. in seinem Blog Lamms Visualisierungen als naiv. Im Grunde würden er und Alan Kwan sich auch gar nicht mit Evolution, sondern mit Genetic Engineering beschäftigen. Es sei etwas zu einfach gedacht, dem Menschen der Zukunft lediglich ein größeres Gehirn und ein Paar von „Google-Glass-Augen“ anzudichten, so als ob die Evolution ansonsten nicht voranschreiten würde. Die großäugigen Zukunftsmenschen seien pure Science Fiction, die an Außerirdische aus „Star Trek“-Filmen erinnerten. Lamm selbst bezeichnet seine Simulation auch lediglich als „eine mögliche Timeline“.

Der Biologe Dr. Mark Siegal von der Universität New York erklärte, diese Hypothesen seien „zu weit außerhalb des Bereichs der Evolutionsbiologie, um sie kommentieren zu können.“ Alan Kwan reagierte auf die Kritik: „Mark Siegal hat recht, unsere Spekulation visualisiert eine Zukunft, in der die Evolution fortfahren wird, das menschliche Gesicht und den Körper über ca. 50.000 Jahre zu gestalten, aber irgendwann während dieser Zeit werden die menschliche Erkenntnis und Genomic-Engineering-Technologien die natürliche Evolution der menschlichen Physiologie übernehmen.“

Kwans Argumentation ist inkonsequent. Es ist eher zweifelhaft, ob der Mensch der Zukunft tatsächlich ein noch größeres Gehirn brauchen wird, wo doch die nötige Intelligenz schon heute weitgehend von Computern übernommen wird. Und ein Zeitraum von 100.000 Jahren „riecht“ eher nach Evolution als nach Gentechnik. Mit Sicherheit wird die menschliche Forschung schon sehr viel früher den notwendigen Wissensstand erreichen, und auch der Aufbruch ins Weltall wird eher in einigen Jahrhunderten beginnen, nicht erst in Jahrzehntausenden. Selbst Stephen Hawking hat in seinem Millennium-Vortrag im Weißen Haus erhebliche Veränderungen der menschlichen Physiologie bereits für das nächste Jahrhundert prognostiziert. Dennoch ist Kwans Simulation ein interessanter Denkansatz. Nur - vielleicht sind uns ja die „großäugigen Zukunftsmenschen“ zeitlich schon viel näher?