Ein Zeitreisender im Jahre 2000?

Mysteriöser Zeitungsbericht schilderte das Jahr 2012 erstaunlich präzise

18. 11. 2012

Am 20. November 2000 druckte die Tageszeitung Crónica, die in der chilenischen Stadt Concepción erscheint, auf ihrer Titelseite eine einigermaßen mysteriöse Story. Angeblich soll sich bei der Redaktion der Zeitung ein Mann mit Namen Osvaldo Navarrete gemeldet haben. Er behauptete, ein Zeitreisender aus dem Jahre 2012 zu sein, der bei einem militärischen Forschungsprojekt als eines von mehreren „Versuchskaninchen“ gedient habe. Man habe versucht, diese Menschen ins Jahr 2000 zurückzuschicken. Zumindest in seinem Fall schien das Experiment gelungen zu sein.

Es war nicht das erste Mal, daß Menschen mit derart phantastischen Behauptungen an die Öffentlichkeit gegangen waren. In den meisten Fällen verlief die Geschichte im Sande, zumal sich die Aussagen der angeblichen Zeitreisenden in der Regel nicht überprüfen ließen (weil sie z. B. aus einer zu weit in der Zukunft liegenden Zeit gekommen zu sein behaupteten) oder sich als falsch herausstellten.

Dieser Fall liegt insofern etwas anders, als es zum einen für die Begegnung mit dem selbsternannten Zeitreisenden im Jahre 2000 eventuell einen Beweis gibt (in Form des Zeitungsausschnitts), zum anderen das Jahr 2012, aus dem Navarrete angeblich zurückgeschickt worden war, mittlerweile zu unserer Gegenwart geworden ist. Seine Mitteilungen sind also überprüfbar geworden - und zumindest einige von ihnen haben sich überraschenderweise bewahrheitet.

„Ein schwarzer Präsident in den USA“

Die wohl spektakulärste Aussage Navarretes gegenüber der Zeitungsredaktion war es, daß im Jahre 2012 in den USA ein schwarzer Präsident regieren würde. Im November 2000 war gerade erst George W. Bush zum ersten Mal ins Weiße Haus gewählt worden, und von einem schwarzen Politiker, der für das Amt des Präsidenten in Frage gekommen wäre, war damals weit und breit nichts zu sehen. Barack Obama war im Jahre 2000 erst 39 Jahre alt und saß lediglich im Senat seines Heimatstaates Illinois. Bei seinem ersten Versuch, sich ins Repräsentantenhaus wählen zu lassen, war er bereits in den Vorwahlen gegen seinen demokratischen Gegenkandidaten durchgefallen. Es hieß, Obama sei nicht genügend in der schwarzen Gemeinschaft von Chicago verwurzelt gewesen. 1:0 für den Zeitreisenden.

Wirtschaftskrisen und Naturkatastrophen

Navarrete erzählte weiter, es würde 2012 weltweit eine globale wirtschaftliche Krise herrschen, die zu großen sozialen Unruhen führen würde. Betroffen seien vor allem die USA, Europa (insbesondere Spanien) und Asien.

Eine solche globale Krise war im Jahre 2000 sicher noch nicht abzusehen, obwohl die „Dotcom-Blase“ am Aktienmarkt bereits geplatzt war. Doch insgesamt erholte sich damals und in den Folgejahren die Wirtschaft wieder etwas. Die Krise, mit der wir heute leben müssen, begann erst im Jahre 2008.

Auch über schwere Naturkatastrophen bis zum Jahre 2012 berichtete der „Zeitreisende“. Es würde zu häufigeren und schwereren Erdbeben, Hitzewellen und Tsunamis kommen. Innerhalb der kommenden Jahre zwischen 2000 und 2012 würden sich Naturkatastrophen apokalyptischen Ausmaßes ereignen, mit ernsten Folgen für die Menschheit. Auch dies stimmt natürlich, und man denkt sofort an den Tsunami von Sumatra 2004 und an die Fukushima-Katastrophe von 2011. Auch der Hurricane Sandy Ende Oktober 2012 war ja nicht ganz ohne.

Insgesamt jedoch muß man feststellen, daß Zukunftsprophezeiungen sich meist mit derlei Katastrophenthemen beschäftigen, auch wenn der Prophet nicht selbst aus der Zukunft zu kommen behauptet. Insofern kann man diese Aussagen nur teilweise als Indizien für die Wahrheit seiner eigentlichen Zeitreise-Story ansehen. In diesem Fall also eine Punkteteilung, so daß es insgesamt jetzt 1,5:0,5 für den Zeitreisenden steht.

Die Marsmission

Anders sieht es damit aus, daß Navarrete erklärte, im Jahre 2012 würden die USA eine neue unbemannte Marsmission durchführen. Dies war tatsächlich der Fall. Am 26. November 2011 schickte die NASA von Cape Canaveral aus die Raumsonde Mars Science Laboratory ins All, die am 6. August 2012 den Marsrover Curiosity auf der Oberfläche des roten Planeten absetzte, um dort nach Lebensspuren zu suchen. 2,5:0,5 für den Zeitreisenden.

Allerdings verstieg sich Osvaldo Navarrete zu der Behauptung, der US-Präsident würde im Rahmen dieser Mission öffentlich bekanntgeben, der Marsrover hätte auf dem Mars eine sensationelle Entdeckung von historischer Tragweite gemacht. Bislang ist darüber nichts verlautbart, und wenn die Bekanntgabe noch im Jahre 2012 stattfinden soll, muß man sich beeilen. Das einzige, was man in diesem Zusammenhang bestätigen kann, ist eine wohl eher scherzhaft gemeinte Bemerkung Barack Obamas. Wenige Tage nach der Landung von Curiosity telefonierte der Präsident von Bord der Air Force One mit den verantwortlichen Wissenschaftlern vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) und sagte dabei: „Wenn ihr tatsächlich Kontakt zu Marsbewohnern aufnehmt, laßt es mich sofort wissen. Ich habe eine Menge Sachen auf dem Schreibtisch, aber ich vermute, das würde ganz oben auf die Liste wandern. Selbst wenn es nur Mikroben sein sollten, wäre das ziemlich aufregend.“ Dennoch hat der Zeitreisende immer noch die Nase vorn, wenn auch jetzt nur noch knapp mit 2,5:1,5.

Die Entdeckung von CERN

Kaum ist man wieder skeptisch geworden, schafft es Osvaldo Navarrete, uns erneut zu verblüffen. Auf die Frage, wie die Menschheit im Jahre 2012 es geschafft haben soll, eine Zeitreisetechnologie zu entwickeln, antwortete er, Wissenschaftler an einem Forschungszentrum in Europa hätten im Jahre 2012 ein neues Elementarteilchen entdeckt, das solche Reisen erlauben würde.

Da denkt man natürlich sofort an den Large Hadron Collider bei CERN in Genf und an die einigermaßen reißerischen Presseberichte vom Juli 2012, man habe dort das ominöse „Gottesteilchen“, das Higgs-Boson, entdeckt. Die Meldung wurde zwar alsbald als verfrüht in Zweifel gezogen, doch thematisch paßt die Sache gut. Das Higgs-Boson, dessen physikalische Eigenschaften aus der Theorie genau bekannt sind, ist in der Tat befähigt, die Zeitbarriere zu durchdringen. Ob die Entdeckung des Higgs-Bosons allerdings sofort eine funktionsfähige Technologie ermöglichen wird, um Menschen in der Zeit reisen zu lassen, ist momentan noch unbeantwortbar. Ganz ausschließen kann man es nicht. 3,5:1,5 für den Zeitreisenden!

Hätte man im Jahre 2000 absehen können, daß die Wissenschaft im Jahre 2012 gerade nach diesem Teilchen suchen würde? Kaum. Selbst die Inbetriebnahme des Large Hadron Colliders lag damals noch acht Jahre in der Zukunft.

Leider machte Navarrete der Zeitung darüber hinaus keinerlei Angaben, wie seine Zeitreise eigentlich funktioniert haben soll und welche Maschinerie verwendet wurde.

Und wie ging es weiter?

Nachdem Crónica das Interview veröffentlicht hatte, konnte man über den angeblichen Zeitreisenden Osvaldo Navarrete nur noch wenig in der Öffentlichkeit hören. Einmal noch meldete er sich beim lokalen Radiosender Bio Bio, wo er den Leuten mitteilte, er würde von „Agenten“ verfolgt und sei sogar einmal von einem Auto angefahren worden. Man schenkte ihm keinen Glauben. Kurz darauf wurde er von der Polizei aufgegriffen und mußte wegen Ruhestörung eine Nacht im Gefängnis von El Manzano verbringen. Nach seiner Entlassung am nächsten Morgen hat ihn nie wieder jemand gesehen.

Es gab bereits in der Vergangenheit hin und wieder Menschen, die von sich behaupteten, Zeitreisende zu sein, und dann meist ziemlich bizarre Stories auftischen. Doch die Geschichte von Osvaldo Navarrete ist anders. Dieser Mann hat, das muß man zugestehen, die Welt des Jahres 2012 erstaunlich genau geschildert - mit wenigen Ausreißern -, und er tat es offenbar nachweisbar im Jahre 2000, denn damals ist ja der Zeitungsartikel gedruckt und veröffentlicht worden.

Die Ereignisse von 2012, die Navarrete exemplarisch schilderte, waren keineswegs alltäglich oder banal, sondern es handelte es sich um Themen, die tatsächlich in diesem Jahr in den Schlagzeilen von Presse und Medien gestanden haben. Vieles davon war im Jahre 2000 nicht vorhersehbar.

Gleichzeitig sträubt man sich natürlich, daran zu glauben, es würde in diesem Jahr, in dem wir jetzt leben, tatsächlich schon eine funktionierende Zeitreisetechnologie geben. Das müßte schon eine ultravertuschte Supergeheimtechnologie des Militärs sein. Noch dazu, wo die Meldung über die Entdeckung des Teilchens, das angeblich den Schlüssel zu den Zeitreisen geliefert haben soll, im Augenblick noch umstritten ist.

Auch der Zweck von Navarretes „Zeitreise“ bleibt unklar. Es ist kaum vorstellbar, daß es von irgendeiner Wichtigkeit war, ihn zur Redaktion einer Provinz-Tageszeitung zu schicken, wo er zwar größtenteils korrekte, aber doch nicht gerade weltbewegende Mitteilungen machte. Wollte man nur ausprobieren, ob es funktioniert, und hat man ihn dann unauffällig wieder zurückgeholt? Dann hätte man 2012 mit Hilfe des Zeitungsartikels natürlich überprüfen können, ob er wirklich dort war, d. h. ob der Artikel erschienen ist. Dann stellt sich natürlich eine wichtige Frage. Angenommen, die Zeitreise wäre tatsächlich irgendwann jetzt im Jahre 2012 gestartet worden. Was hätte dann in der alten Zeitung aus dem Jahre 2000 gestanden, wenn man einen Tag vor Durchführung des Experiments nachgeschaut hätte? Wenn Sie jetzt sagen - natürlich dieser Artikel, der steht da ja seit 12 Jahren drin - was ist dann aus dem freien Willen der Wissenschaftler und des Zeitreisenden geworden? Hatten sie überhaupt noch eine Wahl, ob sie das Experiment durchführen sollten oder nicht?

Wir haben den Fall weiter recherchiert und konzentrierten uns dabei weniger auf die Wahrheit von Navarretes Prognosen, sondern auf mögliche Fakten, die beweisen oder widerlegen könnten, ob die ganze Geschichte überhaupt echt ist. Ist der Zeitungsausschnitt authentisch? Lesen Sie das Resultat unserer "Computer-Forensik".