Die Zukunft beginnt in der Wüste

Das „Silicon Valley“ der Raumfahrt in Kalifornien

Franz Bludorf

Jahrzehntelang führte er ein Schattendasein im Nirgendwo der kalifornischen Wüste, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles - der Mojave Airport. Nachdem zuerst die zivile, ab 1959 auch die militärische Nutzung aufgegeben wurde, verwendeten höchstens Pilotenschüler den abgelegenen Flugplatz noch für Trainingsflüge. Zeitweise wurden die Landebahnen sogar zum Trocknen von Rosinen zweckentfremdet. Doch der Ort erlebte Anfang des neuen Jahrtausends eine unerwartete Wiedergeburt. 2004 wurde er als Mojave Air & Space Port nach Jahren der Arbeit im Stillen offiziell neu in Betrieb genommen. Von der Öffentlichkeit kaum beachtet, war das Gelände zum ersten privat betriebenen Raumflughafen der USA geworden.

Nur vier Tage nach der Wiedereröffnung startete vom Mojave-Raumflughafen das Space Ship One zu seinem Jungfernflug - der erste private Raumflug der Geschichte. Das Raumschiff wurde von einem Trägerflugzeug bis in eine Höhe von 14,3 Kilometern und wurde dann ausgeklinkt. Trotz einiger technischer Probleme beförderte der Raketenantrieb das Space Ship One knapp über die geforderte Höhe von 109 Kilometern, was der von der Fédération Aéronautique Internationale definierten Grenze zum Weltraum entspricht.

Bizarres Wahrzeichen

Seither wird der Flughafen vor allem als Testgelände für neuartige und teilweise ziemlich bizarr aussehende Fluggeräte genutzt. Weithin sichtbares Wahrzeichen: Der Prototyp des Rotary Rocket, einer Kreuzung zwischen Rakete und Helikopter. Er war selbst nicht als Raumschiff gedacht, sondern als Transportvehikel, ähnlich einer Trägerrakete, um einen Satelliten oder eine bemannte Raumkapsel in den Orbit zu transportieren. Im Gegensatz zur herkömmlichen Rakete kann der Rotary Rocket anschließend „in einem Stück“ zur Erde zurückkehren und dann wiederverwendet werden.

Zumindest in der Theorie. Bei den Testflügen des Rotary Rocket kam es zu Fehlfunktionen an den Triebwerken, und das seltsame Vehikel hob nicht allzu weit von der Erde ab.

Doch dem Optimismus der privat finanzierten Raumfahrtpioniere taten derartige Rückschläge keinen Abbruch. Im Gegenteil: Der „Fehlschlag“ wurde zur Geburtsstunde von sechs neuen Firmen, die es jetzt erst recht schaffen wollten. Im Gegensatz zu den vom Staat bezahlten NASA-Wissenschaftlern müssen sie nicht ständig einen skeptischen Kongress überzeugen, der ihnen die Gelder zu streichen droht. Solange die finanzielle Decke reicht, können sie auch einmal um die Ecke denken. Sie haben erkannt, daß die Technologie des herkömmlichen Raketenantriebs teuer und im Grunde anachronistisch ist, und so forschen und konstruieren sie unermüdlich an neuen Möglichkeiten, wie der Mensch seinen Planeten auf günstigere Weise verlassen kann. Und wenn ein privater Investor einmal aufgibt, steht meist schon ein anderer bereit. „Unser großer Plan ist es, die Kosten der Weltraumfahrt herunterzufahren.“, sagt Dave Masten, der Gründer von Masten Space Systems, „Egal, ob es nur um das Erreichen des Orbits oder um den ganzen Weg zum Mars geht.“

Neue Ideen für die Raumfahrt

Erfolgreicher war das Space Ship One, mit dem der erste private Raumflug gelang.

Ein Ort für kreative Ideen

„Die Menschheit braucht einen Ort, wo Menschen ermutigt werden, unglaubliche Risiken auf sich zu nehmen, um Durchbrüche zu erzielen.“, betont Stuart Witt, Geschäftsführer des Flughafens. Der Rotary Rocket auf dem Gelände sei eine ständige Erinnerung, daß man es schaffen könne.

„Es hat sich als unsere größte Anziehungskraft erwiesen,“, fügt Witt hinzu, „Menschen die Möglichkeit zu geben, die es versuchen wollen.“

Obwohl die meisten Menschen nach wie vor nichts von seiner Existenz wissen, ist der Mojave Air & Space Port heute einer der aufregendsten Orte in der modernen Raumfahrtindustrie. Mehr als 6000 Raketentests haben hier bereits stattgefunden. Momentan wird das Gelände von 14 Firmen genutzt, darunter The Spaceship Company, Virgin Galactic, XCOR Aerospace und Masten Space Systems. Virgin Galactic ist Entwickler und Betreiber des bislang ersten erfolgreich gestarteten Raumschiffs, des Space Ship One, dessen Weiterentwicklung eines Tages Weltraumtouristen in den Orbit befördern soll.

Insofern ist der Mojave Air & Space Port weniger ein herkömmlicher Flughafen als eine Art Silicon Valley der Raumfahrt. Andere bezeichnen ihn als „New Kitty Hawk“, in Erinnerung an den Ort in North Carolina, an dem die Brüder Wright Anfang des 20. Jahrhunderts mit den ersten Doppeldecker-Flugzeugen experimentierten.

Dave Mastens neue Xaero-Rakete hat bereits 110 Testflüge hinter sich. Immer noch gibt es Hindernisse mit dem Raketenantrieb zu überwinden, doch wirklich stören tut sich daran niemand. Man baut ganz einfach weiter an der nächsten Version.

„Big Bang“ im Hangar

Laut wird es im Hangar der Firma XCOR Aerospace. Dort testet man ein neuartiges Zündungssystem für Antriebsraketen. Selbst wenn man - wie empfohlen - dicke Ohrenschützer trägt, ist der verbleibende „Big Bang“ immer noch laut genug, um einen Besucher augenblicklich aus der Halle zu vertreiben.

Die Vielfalt der Ideen und der bei der Entwicklung konkurrierenden Firmen ist kein Wunder, sagt XCOR-Chef Jeff Greason. Die Raumfahrt sei heute etwa auf dem technischen Stand wie die Luftfahrt zur Zeit des ersten Weltkrieges, als auch die unterschiedlichsten Bauweisen wie Ein- oder Doppeldecker miteinander konkurrierten, bevor sich schließlich ein bis heute existierendes relativ einheitliches Flugzeugdesign durchsetzte. „Die Welt ist voll von selbsternannten Experten, die genau zu wissen glauben, wie Raumfahrt funktionieren kann.“, fügt Greason hinzu. „Doch es gibt bemerkenswert wenige, die sagen: ‚Laßt es uns ausprobieren.‘ Es ist Zeit, daß dies jetzt geschieht.“ Dieser Pioniergeist, im Kleinen anzufangen, gepaart mit Durchhaltevermögen, ist genau der Grund, weshalb der Mojave Air & Space Port an Silicon Valley erinnert. Hier arbeiten Menschen, die mit technologischen Entwicklungen die Welt verändern wollen, und jeder möchte eines Tages nur zu gern der Steve Jobs oder Bill Gates der Raumfahrt sein.