Die Pyramiden der Antarktis

Sensationelle Entdeckung - oder ein „Fake aus dem Photoshop“?

Franz Bludorf

Seit dem Sommer und Herbst 2012 macht im Internet eine geradezu unglaubliche Geschichte die Runde. Angeblich soll eine internationale Forschungsexpedition in der Antarktis künstliche, d. h. von Menschen angelegte Pyramiden entdeckt haben. Die derzeitige Klimaerwärmung macht es möglich, daß einige dieser steinernen Strukturen aus ihrem jahrtausendealten Eispanzer zumindest teilweise freigelegt wurden. Andere sind noch vollständig von Eis bedeckt, ihre Form ist aber auch bereits klar erkennbar.

Daß irgendwo auf der Welt Pyramiden entdeckt worden sind, ist eine Nachricht, die wir so nicht zum ersten Mal hören. Schon seit langem ist bekannt, daß auf der Welt nicht nur die berühmten Pyramiden in Ägypten und Mittelamerika existieren, sondern z. B. auch in China, England (Silbury Hill) und - wie erst kürzlich bekannt geworden - auch in Bosnien-Herzegowina.

Menschliche Zivilisationen am Südpol?

Doch Pyramiden in der Antarktis, das ist schon ein anderes Kaliber. Bislang gibt es nicht den geringsten Hinweis, daß die Antarktis je von Menschen bewohnt war, geschweige denn von solchen, die Pyramiden errichteten. Es mußte zu Zeiten gewesen sein, als der Südkontinent noch eisfrei war - nur: zu der Zeit gab es uns Menschen, zumindest nach offizieller wissenschaftlicher Ansicht, noch gar nicht.

Ok, aus den Nordpolarregionen wissen wir, daß Menschen auch im ewigen Eis Siedlungs- und Überlebensmöglichkeiten gefunden haben. Warum sollte dies nicht auch am Südpol der Fall gewesen sein?

Es ist natürlich nicht auszuschließen, auch wenn es bislang dafür keine Beweise gibt. Aber - und jetzt kommt das ganz große Aber im Zusammenhang mit dem Thema unseres Artikels: Die Nordpolarregion ist zwar seit jeher von zahlreichen indianischen und Inuit-Völkern besiedelt, doch diese Menschen bauen dort keine Häuser aus Stein!

Wer jemals in Skandinavien war, der wird festgestellt haben, daß, je weiter nach Norden man vordringt, immer weniger Steinhäuser zu sehen sind. Typisch sind etwa entlang der norwegischen Atlantikküste die bunt gestrichenen Holzhäuser. Selbst aus unserem vergleichsweise milden mitteleuropäischen Winter wissen wir, daß Steinmauern in besonders strengen Frostjahren schnell brüchig werden können. Wenn das in den Mauersteinen gespeicherte Wasser gefriert, dehnt es sich aus und kann die Steine von innen heraus aufsprengen. In unseren Breiten halten sich solche Frostschäden in Grenzen, doch in den subpolaren und polaren Regionen ist Stein zum Hausbau praktisch ungeeignet. Holz ist wesentlich elastischer und kann daher auch strengste Frostperioden besser überstehen. Und in den Regionen des ewigen Eises hat man sich seit langem darauf spezialisiert, Iglus aus Eis zu bauen.

Doch was da angeblich jetzt aus dem ewigen Eis der Antarktis auftau(ch)t, sind keine Holzbauten oder Iglus, sondern ganz offenbar massive Pyramiden aus Stein. Zu regelmäßig geformt, um nur eine Laune der Natur zu sein.

Die Antarktis...
war nicht immer so kalt wie heute. In früheren Erdzeitaltern, als das Klima auf der Welt insgesamt wärmer war, war auch der antarktische Kontinent eisfrei. Es war die Zeit der Dinosaurier in der Kreide- und Jurazeit (vor ca 60-200 Millionen Jahren), als Antarktika noch mit Australien, Indien, Afrika und Südamerika zusammenhing und den Urkontinent Gondwana bildete. Dass zur damaligen Zeit die Antarktis mit reicher Vegetation, sogar mit Wäldern, bewachsen war, ist durch Funde fossiler Überreste von Tieren und Pflanzen bewiesen.
Im Zuge des Auseinanderbrechens Gondwanas und der einsetzenden Kontinentaldrift verschob sich Antarktika später, noch immer mit Australien zusammenhängend, immer weiter nach Süden in Richtung des Südpols. Doch vorläufig blieb das Klima mild, der Kontinent blieb von Pflanzen und Tieren besiedelt. Dennoch muß es eine seltsame Welt gewesen sein, denn die extrem südliche Lage des Kontinents brachte ihm den gleichen eigenartigen Verlauf der Jahreszeiten wie heute, inklusive der langandauernden Polarnacht im Winter.
Die Vergletscherung der Antarktis begann allmählich mit dem Beginn des bis heute andauernden Eiszeitalters (Neogen) vor ca. 30 Millionen Jahren. Zu dieser Zeit hatte sich Südamerika bereits so weit von Antarktika entfernt, daß sich eine rund um die Südpolarregion verlaufende Meeresströmung, der Zirkumpolarstrom, bildete. Dadurch wurde Antarktika dauerhaft vom Zustrom warmen Meerwassers aus dem Norden abgeschnitten. Seit etwa 5 Millionen Jahren ist die Vereisung abgeschlossen, der Kontinent erhielt das Aussehen, das er in etwa bis heute hat. Die damalige Vegetation und Tierwelt starben aus, um Platz für die heutigen Pinguine zu machen.
Eine hypothetische menschliche Zivilisation, die Gebäude aus Stein errichtete, hätte also vor vielen Millionen Jahren in Antarktika leben müssen...

Müssen also unsere Geschichtsbücher umgeschrieben wrden? Gab es - wie schon seit längerer Zeit viele Forscher vermuten - eine menschliche Zivilisation zur Zeit der Dinosaurier? Und haben diese Menschen uns die Antarktis-Pyramiden hinterlassen?

Echt oder Fälschung?

Bevor wir uns an so weitreichende Schlußfolgerungen wagen, sollten wir allerdings überprüfen, wie tragfähig die „Beweislage“ eigentlich ist.

In früheren Zeiten gehörten Fotos zu den sichersten Beweisen. Ein Mensch mochte lügen, aber eine Kamera war unbestechlich - obwohl es natürlich auch schon Fotomontagen gab. Doch die mußten schon von Experten angefertigt worden sein, damit man den Schwindel nicht sah.

Heute ist das völlig anders. Wie wir wissen, können Hollywood-Regisseure heute ihre „Avatare“ in voll fotorealistisch animierte außerirdische Computerwelten schicken. Und der Normalbürger hat auf seinem häuslichen Laptop meist Photoshop installiert, ein Programm, mit dem das Erstellen von Fotomontagen, die man nicht sofort als solche erkennt, zum Kinderspiel geworden ist.

Um zu prüfen, ob die Antarktis-Pyramiden also eine wahre Geschichte oder ein - zugegebenermaßen gut gemachter - Fake sind, brauchen wir mehr Indizien als nur die wenigen Fotos, die bislang veröffentlicht worden sind.

Die Expedition

Über die Expedition, die angeblich die Antarktis-Pyramiden entdeckt hat, weiß man offiziell nicht viel - eigentlich gar nichts. Es soll sich um ein Team von acht Forschern gehandelt haben, die aus Europa und den USA stammten. Erstmals wurde die Story vom eigentlich als seriös geltenden Internet-Wissenschaftsportal science­ray lanciert. Dort heißt es u. a., die Forscher würden sich mit Ausnahme der wenigen veröffentlichten Fotos vorläufig sehr bedeckt halten, was Kommentare zu ihrer Entdeckung betrifft. Was ihre Beweggründe sind, darüber kann man kaum spekulieren, solange man nicht weiß, um wen es sich handelt. Sollte die Geschichte ein Schwindel sein, so ist es natürlich denkbar, daß man das Interesse so weit wie möglich hochpushen will, um den Wert der Story zu steigern. Es könnte sich aber bei den Expeditionsteilnehmern auch um seriöse Wissenschaftler handeln, die ganz einfach selbst noch nicht wissen, was sie von ihrer Entdeckung halten sollen, und die vor allem auch ihren Ruf in der wissenschaftlichen Fachwelt im Auge behalten müssen.

Selbst über Insiderkontakte war nur zu erfahren, daß es sich um „Forscher“ gehandelt hätte, die über ihre „Forschungsarbeiten“ vorläufig nicht mehr publik machen wollten. Auch Zeitangaben, wann die Expedition stattgefunden haben soll, waren nicht zu erhalten. Dies sind Fakten, die im Grunde sogar eher für die Glaubwürdigkeit der Geschichte sprechen. Eine Fake-Story würde vermutlich mit einem umfangreichen und abenteuerlich anmutenden Szenario in die Öffentlichkeit lanciert werden.

Es heißt, die Expeditionsteilnehmer hätten insgesamt drei Pyramiden entdeckt. Zwei von ihnen befänden sich etwa zehn Meilen (16 km) im Landesinnern, die dritte direkt an der Küste. Übrigens ein Widerspruch zu dem Foto (oben), das zwei Pyramiden an der Küste zeigt.

Angeblich planen die Expeditionsteilnehmer zunächst eine weitere Forschungsmission, um genauere Erkenntnisse zu gewinnen, ob die Formationen natürlichen oder künstlichen Ursprungs sind. Über den geplanten Zeitraum dieser Expedition ist allerdings auch nichts zu erfahren.

Die zwölf „Weltpyramiden“

Merkwürdig sind in diesem Zusammenhang in einem bereits früher erschienenen Buch des Autors  James Donahue geäußerte Vermutungen über die sogenannten „zwölf Weltpyramiden“. Die erste von ihnen soll sich in der Antarktis (sic!) befinden, andere in Tibet, auf den versunkenen Kontinenten Lemuria  und Atlantis, in Mexiko, Peru, Europa, Australien, Kanada, dem Mittleren Osten, den USA und natürlich auch in Ägypten, wobei die ägyptischen Pyramiden die neuesten sein sollen. An vielen der genannten Orte sind Pyramiden längst entdeckt worden.

Nach Donahues Aussagen soll  es in einem alten Buch eine Prophezeiung geben, wonach insbesondere die Antarktis-Pyramide eine spezielle Funktion haben soll, nämlich ein Dimensionstor für Reisen ins Weltall zu eröffnen. Die Prophezeiung soll angeblich auch von der momentan stattfindenden Erderwärmung sprechen und davon, daß, sobald das Eis genügend abgeschmolzen ist, in der Nähe der Antarktis-Pyramide auch von außerirdischen Besuchern hinterlassene Raumschiffe gefunden würden.

Eine reichlich hanebüchene Geschichte, die wir hier nur der Vollständigkeit halber erwähnen, da das Auffinden von Antarktis-Pyramiden (sollten sie sich als echt erweisen) in diesem Zusammenhang in der Tat seltsam ist.

Ob sich die Antarktis-Pyramiden am Ende als authentisch oder gut gemachte Fakes herausstellen oder ob die ganze Angelegenheit ganz einfach im Sande verläuft und in Vergessenheit gerät, ist im Augenblick noch nicht abzusehen. Wären die Pyramiden echt, dann wäre es eine Ungeheuerlichkeit, denn es würde beweisen, daß alles, was wir über Herkunft und Ursprung des Menschen wissen, ... absolut falsch ist.