"Deep Impact" in Russland

Der Einschlag des Tschebarkul-Meteoriten • Größte kosmische Katastrophe seit dem “Tunguska-Ereignis” von 1908

Franz Bludorf

Tscheljabinsk im Südural, 15. Februar 2013, morgens gegen 9:00 Uhr. Auf den Straßen der Millionenstadt und im Umland sind ahnungslose Menschen in ihren Autos unterwegs, zur Arbeit, zum Einkauf oder was immer sie sonst vorhaben. Es ist ein eisig kalter Freitagmorgen. Das Thermometer zeigt -18 Grad.

Da erstrahlt am Himmel plötzlich ein riesiges gleißendes Licht. Eine gewaltige Druckwelle rollt über die Region hinweg, lässt Fensterscheiben bersten und Mauern einstürzen. Der Einschlag eines gewaltigen Meteoriten findet vor den Augen von Tausenden entsetzter Augenzeugen statt. Zahlreiche Amateurvideos, geistesgegenwärtig mit dem Handy gedreht, werden später das Ereignis in allen Einzelheiten dokumentieren. Wer sich jetzt in der unmittelbaren Umgebung des Impakts aufhält, hat keine Chance. Es hat keine Vorwarnungen gegeben. Niemand - auch kein Wissenschaftler - hatte auch nur die geringste Ahnung davon, welche Gefahr an jenem Freitagmorgen aus den Tiefen des Weltalls auf Russland zugerast kam. Der Meteorit hinterließ eine Spur der Verwüstung - Tausende zerstörter Gebäude und mehr als 1200 Verletzte...

Die Fakten

Einen Namen hat er schon, der ca. 15 Meter große Brocken, der am Morgen des 15. Februar 2013 am Himmel über der südlichen Uralregion in Rußland explodierte. Das größte der Bruchstücke stürzte in den zugefrorenen Tschebarkul-See und hinterließ dort nicht nur im Eis einen ca. sechs Meter großen Krater, sondern es wurde auch nach diesem Ort benannt. Eine Unzahl kleinerer Fragmente ging in der ganzen Gegend nieder und traf, wie auch die gewaltige Schockwelle der Explosion, die Millionenstadt Tscheljabinsk. Die kosmische Katastrophe hinterließ erhebliche Schäden an rund 5000 Gebäuden. Mehr als 1200 Menschen wurden verletzt.

Einen Namen hat er schon, aber bis zum Morgen des 15. Februar wußte niemand, daß er überhaupt existierte. Es gab keinerlei Vorwarnung, so daß sich niemand  vorher in Sicherheit bringen konnte. Autofahrer, die zu der Zeit in der Region Tscheljabinsk unterwegs waren, sahen am Himmel ein gleißend helles Licht, das einen rauchenden Schweif hinter sich her zog. Wer konnte, zog sein Handy aus der Tasche und fotografierte die Erscheinung oder drehte ein kurzes Video. So existiert eine Unzahl filmischer und fotografischer Beweise für das Ereignis.

Ein Objekt von 15 Metern Größe, das klingt erst einmal wenig bedrohlich. Doch die Fakten sprechen für sich. Als der kosmische Brocken in der Nähe von Omsk im südlichen Sibirien in die Erdatmosphäre eintrat, betrug seine Geschwindigkeit mehr als 63.000 Kilometer pro Stunde. Der Meteorit raste noch eine Strecke von etwa 800 Kilometern weiter durch die Atmosphäre und explodierte dann am Himmel über Tscheljabinsk im Südural.

Die Infraschall-Schockwelle war fast überall auf der Welt zu registrieren. Im Osten bis zur russischen Halbinsel Kamtschatka am Pazifik, im Westen bis nach Grönland und im Süden bis nach Afrika. Die Meßstationen, denen diese Aufzeichnungen gelangen, gehören zum weltweiten Netzwerk zur Überwachung der Einhaltung des Atomwaffensperrvertrages. Aufgrund der gemessenen Daten schätzt die NASA die bei der Explosion freigesetzte Energie auf 500 Kilotonnen TNT. Das entspricht ungefähr 33 Hiroshima-Bomben. Ein meßbares Erdbeben verursachte der Impakt übrigens nicht. Das Wasser des Tschebarkul-Sees dämpfte die Wucht des Aufpralls, und die dicke Eisschicht - in Tscheljabinsk und Umgebung herrschte, wie gesagt, am 15. Februar strenger Frost von ca. -18 Grad - verhinderte auch eine Überschwemmung.

Der Tschebarkul-Meteorit - Timeline einer kosmischen Katastrophe

Größter Einschlag seit 1908

Wissenschaftler sind sich einig: Es war der größte Einschlag aus dem Kosmos seit mehr als 100 Jahren, genauer: seit 1908, als ein kosmisches Objekt in der sibirischen Tunguska-Region einschlug und dort grauenhafte Zerstörungen anrichtete. Die Tunguska-Explosion setzte etwa 10 bis 15 Megatonnen TNT an Energie frei, war also 20 bis 30 Mal stärker. Allerdings handelte es sich bei der Tunguska-Region um nahezu menschenleeres Terrain. Der Tschebarkul-Meteorit hingegen explodierte über einer dicht besiedelten Region. Allein Tscheljabinsk hat rund 1,1 Millionen Einwohner.

Nun wußten doch die Astronomen genau Bescheid, daß am 15. Februar 2013 der Asteroid 2012 DA14 seinen „nahen Besuch“ der Erde abstatten würde. Hätte das nicht ein Warnzeichen sein müssen? Führen solche kosmischen Objekte nicht immer kleinere Begleiter im Schlepptau mit sich?

Ja und nein. Die Wissenschaftler sind sich einig - es gab, mit Ausnahme des Datums, keinen Zusammenhang zwischen 2012 DA14 und dem Tschebarkul-Meteoriten. Flugbahn und Einfallsrichtung beider Himmelskörper stimmten nicht überein.

Aber selbst wenn man der Ansicht ist, daß es ein bißchen zu viel Zufälle wären, wenn am gleichen Tag, an dem die nächste Begegnung der Erde mit einem Asteroiden seit Menschengedenken stattfand, der größte Meteorit seit 100 Jahren einschlug... - was hätte man tun sollen? Sicher, man kannte die Bahndaten von 2012 DA14. Aber die Wissenschaftler haben Recht: Aus dieser Richtung schlug tatsächlich nichts ein. Man hätte also gewarnt sein können, und doch hätte niemand gewußt, ob und wann, wo und woher...

125 Kilometer bis zur Katastrophe

Die Bewohner von Tscheljabinsk - und wir alle - hatten ungeachtet der Zerstörungskraft des Meteoriten noch gewaltiges Glück gehabt. Die Region Tscheljabinsk ist keine harmlose Wohngegend. In der Stadt Sneschinsk, nordwestlich von Tscheljabinsk gelegen, befinden sich seit Jahrzehnten Top-Secret-Forschungs- und Testanlagen, das Zentrum der russischen Kernwaffenforschung. Man spricht auch von „Rußlands Area 51“ (Näheres hierzu in unserem Buch „Welt am Limit“)Hätte ein größeres Meteoritenfragment oder gar der größte Brocken diese Region getroffen - es hätte ein globales Desaster gegeben, gegen das Tschernobyl vermutlich nur ein laues Lüftchen war. Der Hauptkrater des Einschlags im Tschebarkul-See liegt gerade einmal 125 Kilometer von Sneschinsk entfernt. In kosmischen Dimensionen ist das gar nichts. Für uns Menschen sind es 125 Kilometer, die uns von einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes trennten...

Das NEO-Projekt

Angesichts derartiger Gefahren, an denen die Menschheit gerade um Haaresbreite vorbeigeschrammt ist,  fragt man sich, warum die Menschen eigentlich nicht vorgewarnt waren. Die Antwort ist einfach: Die Warnung unterblieb nicht aus Schlamperei oder Inkompetenz, sondern weil es ganz einfach nicht möglich war, die Gefahr im Voraus zu erkennen.

1998 beauftragte der US-Kongress die NASA, im Rahmen des Forschungsprojekts NEO (Near Earth Objects) erdnahe Asteroiden so weit wie möglich zu katalogisieren und zu ermitteln, welche von ihnen eine potentielle Gefahr für die Erde darstellen könnten.

Nun schwirren Millionen und Abermillionen von diesen Objekten in unserem Sonnensystem und damit möglicherweise auch in Erdnähe herum. Daher beschränkte man das Projekt NEO zunächst auf alle Himmelskörper, die mehr als einen Kilometer Durchmesser haben. Würde die Erde von so einem Burschen getroffen, könnte dies das Ende allen Lebens bedeuten.

Inzwischen haben die Forscher des NEO-Projekts 980 solcher Objekte identifiziert, die auf ihren Bahnen in die Nähe der Erde gelangen könnten. 95% von ihnen sind auch schon katalogisiert, d. h. man kennt ihre Bahndaten und weitere Parameter. Es zeigte sich, daß vermutlich keiner dieser großen Asteroiden in absehbarer Zeit eine Gefahr für die Erde darstellen wird.

„Deep Impact“ am „Independence Day“ - Der erste Test des NEO-Projekts

Das bedeutet aber noch keine Entwarnung. Man weiß inzwischen auch: Unter den kleineren Asteroiden, die 100-1000 Meter groß sind, gibt es rund 4700, die der Erde tatsächlich gefährlich werden könnten. Dies folgt aus neuesten Beobachtungsergebnissen des NASA-Weltraumteleskops WISE. Um die Erde vor solchen Einschlägen zu schützen, hat US-Präsident Obama  unmittelbar nach seiner Wiederwahl im November 2012 eine Marschroute für die NASA ausgegeben, ähnlich wie dereinst John F. Kennedy, als es darum ging, einen Mann innerhalb eines Jahrzehnts zum Mond zu schicken.

Obamas „Marschbefehl“ zeigt, daß man sich auch in Washington der Gefahren aus dem Weltall voll bewußt ist. Spätestens bis 2025 soll eine bemannte Weltraummission zu einem erdnahen Asteroiden erfolgen. Das ist rund zehn Jahre vor der geplanten bemannten Marsmission, die sicher sehr viel medienwirksamer wäre.

Wozu brauchen wir einen bemannten Flug zu einem Asteroiden? Zu sehen gibt‘s da nichts Besonderes. Aber für den Fall, daß ein Asteroid tatsächlich auf Erdkurs wäre und wir wüßten, daß er in einigen Jahren auf der Erde einschlagen und katastrophale Zerstörungen anrichten würde, gäbe es nur eine einzige Überlebenschance für die Menschheit: Den Himmelskörper so aus seiner Bahn abzulenken, daß er die Erde verfehlt. Auf dem derzeitigen (und in naher Zukunft absehbaren) Stand der Technik geht das jedoch nicht aus der Ferne.

Nehmen wir an, wir würden den Asteroiden mit den stärksten uns verfügbaren nuklearen Sprengsätzen beschießen, um ihn aus der Bahn zu werfen. Selbst wenn wir ihn nicht verfehlen (was bei so großen Entfernungen ein Va-Banque-Spiel wäre), würde ein Großteil der Energie der Sprengsätze beim Einschlag nutzlos nach außen ins Weltall verpuffen. Der Impuls, den wir dem Asteroiden verpassen würden, wäre dann möglicherweise zu klein. Die einzige Möglichkeit, die volle Sprengkraft zur Ablenkung des Himmelskörpers zu nutzen, ist es daher, den Sprengsatz auf dem Asteroiden unterirdisch zu zünden. Das setzt aber voraus, daß ihn erst einmal jemand vor Ort unterirdisch installiert.

Eine solche Mission würde die Astronauten vor bislang unbekannte Herausforderungen stellen und muß daher dringend vor dem Ernstfall geübt werden. Zum Beispiel kann man ein Raumschiff auf einem Asteroiden nicht einfach „landen“ lassen, wie es z. B. auf dem Mond oder Mars möglich ist. Asteroiden sind viel zu klein, um eine nennenswerte Schwerkraft zu besitzen. Die Raumfahrer müßten also unter ähnlichen Bedingungen wie bei ihren Weltraumspaziergängen im Orbit arbeiten, würden sich dabei aber seltsamerweise auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers befinden. Und nicht nur das: Sie müßten dieses Objekt mit Werkzeugen anbohren, um den Sprengsatz unter der Oberfläche zu installieren. Wie handhabt man solche Geräte bei nahezu Schwerelosigkeit? Wie bohrt man ein Objekt an, das dem Bohrer keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzt, sondern von ihm einfach „weitergeschubst“ wird? Schließlich kann man den Asteroiden nicht wie beim Tischlermeister in eine Werkbank einspannen. Alles Fragen, auf die wir keine Antworten wissen und die vermutlich allein in der Theorie nicht zu lösen sind.

2025 - Aufbruch zum Asteroiden

Das Jahr 2025 stellt im Grunde einen Kompromiß dar. Einerseits ist Eile geboten. Der Asteroid 99942 Apophis, ein kosmischer Brocken mit rund 300 Metern Durchmesser, wird 2029 und 2036 der Erde zwei Mal gefährlich nahe kommen. Ob tatsächlich eine Einschlaggefahr besteht, darüber sind die Wissenschaftler noch uneins und korrigieren ihre Prognosen alle paar Wochen um 180 Grad. Wenn der Asteroid sich aber bei weiterer Annäherung tatsächlich als gefährlich entpuppen sollte, braucht man schon einige Jahre Vorlaufzeit vor der „Begegnung“ mit der Erde. Einerseits dürfte die bemannte Mission zum Asteroiden aufgrund der Entfernung eine gewisse Zeit benötigen, und dann muß sich die Crew nach Installation des Sprengsatzes vor der Zündung genügend weit entfernt in Sicherheit bringen. Schließlich braucht man auch noch ein paar Jahre, um das Objekt weiter von der Erde aus zu beobachten und festzustellen, ob sich seine Bahn tatsächlich in ausreichendem Maß geändert hat, damit die Erde verschont bleibt.

Andererseits brauchen aber auch die NASA-Techniker Zeit, um ein Raumschiff zu konstruieren und ausreichend zu erproben, das überhaupt geeignet ist, eine solche Reise durchzuführen, wie sie immerhin noch kein Mensch je gewagt hat. Bedenken wir: Seit dem Ende des Space-Shuttle-Programms 2012 verfügt die NASA nicht einmal über Vehikel, um den Erdorbit zu erreichen! Die zwölf Jahre bis 2025 kann man da nur als „verdammt knapp“ bezeichnen. Daß man sich nicht mehr Zeit läßt, ist ein klares Indiz, daß Gefahr im Verzuge ist.

Die Kleinen sind die Schlimmsten

Was die ganz kleinen Brocken betrifft, wie z. B. den Tschebarkul-Meteoriten, so ist eine Vorsorge sinnlos und nicht machbar. Aufgrund ihrer geringen Größe kann man sie auch mit den stärksten Teleskopen nicht früh genug erkennen, damit man auch nur ihre Bahn vorausberechnen könnte. Daß kein Astronom der Erde eine Ahnung vom bevorstehenden Einschlag am 15. Februar hatte, ist also keine Frage ungenügender Aufmerksamkeit. Man hatte keine Chance, es rechtzeitig zu merken. Zumindest auf unserem heutigen Stand der Technik. Insofern ist die Aussage russischer Wissenschaftler, wonach die Erde auf unabsehbare Zeit noch mit der Gefahr von Einschlägen dieser Größenordnung wird leben müssen, nicht fatalistisch, sondern nur realistisch.