Das berühmteste Messer der Welt...

... und was man damit nicht schneiden kann!

Franz Bludorf

Man kann die Uhr danach stellen. Sobald irgendwo etwas Ungewöhnliches passiert - eine „Geistererscheinung“ etwa oder die Sichtung eines unbekannten Flugobjekts -, dann kommt alsbald jemand mit einem Messer.

Keine Sorge - es geht in diesem Artikel nicht um irgendwelche Agenten, die im Auftrag dunkler Regierungsverschwörungen Augenzeugen gewaltsam mundtot machen sollen. Die Leute, die hier gemeint sind, sind im Grunde harmlos. Doch sie haben sich selbst zu „Skeptikern“ ernannt. Und das heißt, sie halten sich für besonders aufgeklärt und modern und meinen daher, an nichts mehr glauben zu müssen, da ja unsere Wissenschaft längst alles aufgeklärt hat. Dieses ganze paranormale Zeug gibt es nun einmal nicht, und damit basta!

Egal ,ob sie nun recht haben oder sich irren - diese Leute gibt es in hellen Scharen. Sie sind praktisch überall, und es gibt nichts, was sie von ihren vorgefassten Meinungen abbringen könnte. Meist will dies auch gar niemand. Sollen sie doch mit ihren Ansichten selig werden. Doch das reicht denen nicht. Sie wollen ja mit missionarischem Eifer die anderen von ihrem Aberglauben erretten, und jetzt bringen sie das Messer ins Spiel - Ockhams Rasiermesser.

Jeder kennt es, nur keiner kennt es!

Mit Ockhams Rasiermesser ist es etwa so wie mit dem „Hornberger Schießen“, der „Puseratze“, dem „Muckefuck“ und dem „Pustekuchen“. Jeder kennt diese Begriffe, hat auch meist eine vage Vorstellung davon, was man mit ihnen ausdrücken kann, aber was sie wirklich bedeuten, weiß eigentlich keiner.

Fragen Sie mal einen Wissenschaftler nach Ockhams Rasiermesser. Der wird es Ihnen vermutlich so erklären: Es handele sich um ein heuristisches Forschungsprinzip, wonach von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen sei. Damit bilde Ockhams Rasiermesser die Grundlage jeder seriösen Wissenschaft.

Glauben Sie nicht alles, was Ihnen ein Wissenschaftler erzählt!

Ockhams Rasiermesser ist vor allem bequem. Wenn man etwas nicht erklären kann, dann gibt es natürlich immer eine ganz besonders einfache Lösung: Wer immer diese Geschichte erlebt zu haben glaubt, der hat sich getäuscht, oder er hat sich die Sache nur ausgedacht, um sich wichtig zu machen. Das ist grundsätzlich IMMER MÖGLICH, selbst bei Wissenschaftlern! Einfach ist diese Erklärung auch - so einfach, daß es schon nicht mehr einfacher geht. Und schwupps -  haben wir das leidige Problem vom Tisch - dank Ockhams Rasiermesser.

Wer Ockham war, und was er mit einem Messer tat

Leider bin ich ein Quälgeist und will der Sache mit diesem ominösen Rasiermesser etwas mehr auf den Grund gehen. Ich bin nicht der einzige. Auch Jacques Vallée hat es getan. Und der weiß ebenfalls, wovon er redet. Vallée ist Astrophysiker und kennt sich gleichzeitig gut mit paranormalen Phänomenen aus. Jahrelang war er Mitarbeiter von J. Allan Hynek, dem legendären Chef des militärischen UFO-Forschungsprojekts „Blue Book“. Einige Gedanken dieses Artikels basieren auf Vallées Betrachtungen zum Thema.

Keine Sorge, es wird jetzt nicht langweilig, und Sie werden sogar noch etwas zu schmunzeln bekommen.

Also - wer war Ockham? William von Ockham war ein Mönch, der Anfang des 14. Jahrhunderts in der englischen Grafschaft Surrey lebte. Sein Bild ist dort in einem Kirchenfenster verewigt. Ockham beschäftigte sich zeit seines Lebens weniger mit Messern als mit scholastischer Philosophie. Er verfaßte Bücher zur Naturphilosophie, Logik, zur Theologie und zu politischen Themen seiner Zeit. Insofern scheinen die „Skeptiker“ durchaus auf dem richtigen Weg zu sein, wenn sie sich auf ihn berufen.

Bevor Sie sich allerdings daran machen, Ockhams Werke nach dem berühmten „Rasiermesser“ zu durchforsten - sparen Sie sich die Mühe! Sie werden diesen Satz dort nirgends finden. Auch nicht ohne Messer, in der Formulierung, wie ihn der Wissenschaftler vielleicht zu Ihnen gesagt hat.

Was Ockham wirklich formulierte, war ein ganz anderer Satz, den man aber erst entdeckt, wenn man nicht bei Wikipedia, sondern in der Stanford Encyclopedia of Philosophy nachschlägt:

„Nichts sollte behauptet werden ohne einen gegebenen Anlaß, es sei denn, es ist selbst-evident oder durch Erfahrung bekannt oder bewiesen durch die Autorität der heiligen Schriften.“

Nanu - das hat eigentlich mit Ockhams berühmtem Rasiermesser nichts mehr zu tun. Das ist richtig. Das „Parsimonitätsprinzip“, auf dem der Satz mit dem Messer basiert, entstammt nicht Ockhams Werken, sondern einer Interpretation dieser Werke, die erst im 17. Jahrhundert von dem deutschen Philosophen und Naturwissenschaftler Gottfried Wilhelm Leibniz formuliert wurde.

Wenn man es genau nimmt, dreht man Ockhams Denkweise geradezu um, wenn man seine Formulierung in der heute bekannten Weise deutet. Dies erklärt Jacques Vallée ganz anschaulich mit Hilfe eines Beispiels, das besonders gern von den heutigen „Ockham-Skeptikern“ herangezogen wird, um das Rasiermesser-Prinzip zu begründen.

Ptolemäus oder Kopernikus?

Zu Ockhams Lebzeiten, im Mittelalter, herrschte noch immer das antike ptolemäische Weltbild vor, wonach die Erde im Zentrum des Universums steht und von Sonne, Mond und den Planeten umkreist wird. Diese anthropozentrische Betrachtungsweise entsprach dem subjektiven Eindruck, also dem, was wir sehen, wenn wir an den Himmel schauen.

Nur wenige Jahrzehnte nach Ockham rückte dann der polnische Astronom Nikolaus Kopernikus die Sonne ins Zentrum. Die Erde war nur ein Planet wie alle anderen, der die Sonne umkreiste.

Fraglos ist das kopernikanische Weltbild einfacher als das ptolemäische, denn die Geometrie der Kreisbahnen ist natürlich viel einfacher als die komplizierten Planetenbahnen mit ihren diversen „Epizyklen“, die die Ptolemäer heranziehen mußten, um die beobachtbaren Bewegungen der Planeten zu erklären.

Aber selbst der skeptischste Wissenschaftler wird nicht behaupten, die Einfachheit allein sei das Maß aller Dinge zur Beurteilung einer Theorie. Sie muß natürlich die beobachtbare Realität auch ausreichend korrekt beschreiben. Und da haperte es bei Kopernikus. Sein Denkmodell war bestechend, aber ungenau. Die ptolemäischen Epizyklenbahnen waren damals viel genauer.

Dies änderte sich erst, als Kepler die Planetenbahnen als Ellipsen beschrieb. Nicht mehr ganz so einfach wie bei Kopernikus, dafür aber genauer. Die Keplerschen Gesetze waren die ersten, die wirklich mit dem ptolemäischen Weltbild konkurrenzfähig waren. Nur - auch sie waren lediglich ein Denkmodell. Es waren keine physikalischen Gesetze bekannt, die erklärt hätten, warum sich die Planeten ausgerechnet auf Ellipsenbahnen bewegen sollten.

Dies gelang erst Isaac Newton weitere knapp 70 Jahre später durch Aufstellung seines Gravitationsgesetzes. Erst jetzt war das kopernikanische Weltbild physikalisch „rund“ und damit dem ptolemäischen überlegen, fast 150 Jahre nach Kopernikus. Dieser Zeitpunkt war im Grunde die Geburtsstunde von Ockhams Rasiermesser. Leibniz war bekanntlich Zeitgenosse (und Gegenspieler) von Newton.

Doch nehmen wir einmal an, man hätte William von Ockham das ptolemäische und das kopernikanische Weltbild vorgelegt zur Beurteilung, welche Theorie besser ist. Wie hätte er entschieden?

Er hätte natürlich nicht sein Rasiermesser herangezogen (das er gar nicht kannte), sondern seine eigene Formulierung.

Nun war zu Ockhams Zeit auch für das ptolemäische Weltbild kein physikalisches Gesetz bekannt, das Epizyklenbahnen beschrieben hätte. Es war eine rein geometrische Interpretation der beobachtbaren Bewegungen. Als Ursache nahm man damals an, die Planeten würden „von Engeln“ bewegt.

Bingo! Die „Autorität der heiligen Schriften“ besagt eindeutig, daß Engel existieren. Noch Papst Johannes Paul II. hat dies 1986 bekräftigt. Die Engel machen sich - so die christliche Lehrmeinung - durch ihre Aktionen am Himmel bemerkbar. Die mittelalterlich-ptolemäische Sichtweise ist also aufgrund der Autorität der heiligen Schriften als bewiesen oder sogar selbst-evident zu betrachten, und sie ist - by the way - viel einfacher und eleganter als das kopernikanische Weltbild mit den Newtonschen Gesetzen. Um diese herzuleiten, muß man schließlich zahlreiche Zusatzannahmen machen - die Existenz einer Gravitationskraft (Was ist das? Hat die je ein Mensch gesehen?), Masse, Zentrifugalkräfte und, und, und. Bis heute hat die Physik die Himmelsmechanik keineswegs komplett im Griff, außer in einigen einfachen Sonderfällen. Und sie muß auf unbeweisbare, unmeßbare und unsichtbare Begriffe wie eine „Fernwirkung durch Gravitationskräfte“ zurückgreifen. Für einen wahren Skeptiker würde das reichlich esoterisch und nach „paranormalen Phänomenen“ klingen. Ockham, der vielzitierte Kronzeuge aller Skeptiker, hätte sich jedenfalls mit Sicherheit für die Erklärung mit den Engeln entschieden! J

Anders ausgedrückt - was ist glaubwürdiger, einfacher, plausibler? Daß jemand einen Engel, Geist oder UFO gesehen hat oder daß ein Planet durch unsichtbare Kräfte per „Fernwirkung“ auf eine Ellipsenbahn gezwungen wird?

Ockham und das „Paranormale“

Nachdem wir dies in die richtige Relation gerückt haben, können wir die Position des „Skeptikers“ übernehmen und prüfen, inwieweit man mit Ockhams Denkweise die bekannten „paranormalen Phänomene“ wie Geistererscheinungen, UFOs, Telepathie und Psychokinese (eigentlich eine Fernwirkung wie die Gravitation!!!) widerlegen kann.

Nun ja - wenn es Engel gibt und sie sich durch ihre Aktionen bemerkbar machen... Wer weiß schon, was Engel alles können? Es ist sicher einfacher und eleganter, ein unbekanntes Flugobjekt einem „Engel“ (oder Außerirdischen?) in die Schuhe zu schieben - sofern man an seine Existenz glaubt - als seine sichtbare Erscheinung darauf zurückzuführen, daß „ein Wetterballon das Licht der Venus reflektiert hat“, wie es die Skeptiker gern tun. Wem das zu spitzfindig erscheint: Die Bibel und andere heilige Schriften sind randvoll mit Geistern, unbekannten Flugobjekten und telepathischen Einwirkungen. Was für ein Objekt ist vor den Augen des Propheten Hesekiel zur Erde herniedergefahren? Wer sprach mit Moses am Berg Sinai? Ockham stellt all solchen Ereignissen mit seiner Pauschalformulierung über die Autorität der heiligen Schriften geradezu einen Persilschein aus.

Es ist und bleibt sicher ein sinnvolles Prinzip in der wissenschaftlichen Forschung, so wenig willkürliche Zusatzannahmen wie möglich zu bemühen. Doch, wie wir gesehen haben, hält sich die Wissenschaft selbst nicht immer daran. Viele wissenschaftliche Theorien sind unnötig kompliziert, weil die Wissenschaftlergemeinde stur an Weltbildern festhält, für die es längst eleganteren Ersatz gibt (z. B. in der Quantenphysik), die dann auch Begriffe wie Bewußtsein und Seele mit einbeziehen. Es müssen ja nicht unbedingt Engel sein.

Wenn jemand paranormale Phänomene anzweifeln will, ist das sein gutes Recht. Selbst wenn auch diese Sichtweise mittlerweile etwas angestaubt ist. Nur bitte - liebe Skeptiker - beruft euch dabei nicht weiter auf William von Ockham und sein Rasiermesser, das er nie besessen hat!