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Neuerscheinung Juli 2003 Grazyna Fosar · Franz Bludorf Fehler in der Matrix Leben Sie nur, oder wissen Sie schon? Michaels-Verlag,
Peiting. ISBN 3-89539-236-7. |
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„Du
fühlst dich im Moment sicher wie Alice im Wunderland, während sie in den
Kaninchenbau stürzt.“, sagt Morpheus zu Neo, nachdem sie am Kamin Platz
genommen haben.
„Ja,
so ähnlich.“
„Ich
kann es in deinen Augen lesen. Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er
sieht, hinnimmt, weil er damit rechnet, dass er wieder aufwacht.
Ironischerweise ist das nahe an der Wahrheit. Glaubst du an das Schicksal,
Neo?“
„Nein.“
„Warum
nicht?“
„Mir
missfällt der Gedanke, mein Leben nicht unter Kontrolle zu haben.“
„Ich
weiß ganz genau, was du meinst. ... Du bist hier, weil du etwas weißt, etwas,
was du nicht erklären kannst. Aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes
Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. ... Dieses Gefühl hat dich zu
mir geführt. Weißt du, wovon ich spreche?“
„Von
der Matrix?“
„Möchtest
du wissen, was genau sie ist?“
Neo
nickt.
„Die
Matrix ist allgegenwärtig. Sie umgibt uns. Selbst hier ist sie, in diesem
Zimmer. Du siehst sie, wenn du aus dem Fenster guckst oder den Fernseher
anmachst. Du kannst sie spüren, wenn du zur Arbeit gehst, oder in die Kirche,
und wenn du deine Steuern zahlst. Es ist eine Scheinwelt, die man dir
vorgaukelt, um dich von der Wahrheit abzulenken.“
„Welche
Wahrheit?“
„Dass
du ein Sklave bist, Neo. Du wurdest wie alle in die Sklaverei geboren und lebst
in einem Gefängnis, das du weder anfassen noch riechen kannst. Ein Gefängnis
für deinen Verstand. Dummerweise ist es schwer, jemandem zu erklären, was die
Matrix ist. Jeder muss sie selbst erleben.“
Morpheus
nimmt aus einer Schachtel eine rote und eine blaue Kapsel und bietet sie Neo
zur Auswahl an.
„Dies
ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück. Schluckst du die blaue
Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deiner Welt auf und glaubst, was du glauben
willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland, und ich führe
dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus.“
Neo
zögert einen Moment und greift dann nach der roten Kapsel.
„Bedenke,“,
sagt Morpheus, „alles, was ich dir anbiete, ist die Wahrheit, nicht mehr.“
Neo
nimmt die rote Kapsel und schluckt sie. Darauf steht Morpheus auf und sagt:
„Folge mir.“
In dem gewaltigen und düsteren
Science-Fiction-Opus „Matrix“ wird der junge Computerexperte Thomas Anderson
(Hackername „Neo“) von dem geheimnisvollen Rebellen Morpheus mit einer
schockierenden Wahrheit konfrontiert: Die Welt, in der er bisher lebte, ist
nicht real. Sie ist nur eine Scheinwelt, eine Illusion, aufgebaut von der allgegenwärtigen
„Matrix“. Nur einige wenige Menschen haben dies erkannt und konnten der
Illusionswelt entfliehen.
Wir wollen nicht unbedingt
behaupten, dass auch unsere Realität nur eine „Welt am Draht“ irgendwelcher
Maschinen wäre. Doch an der Kernaussage des Films – dass mit unserer Welt, die wir alle Tag für Tag erleben, etwas nicht
stimmt – kann kein Zweifel bestehen.
Vermutlich werden Sie diesem Satz
auf den ersten Blick sogar zustimmen. Schließlich gibt es in der Welt ungelöste
Probleme zu Hauf, und niemand scheint wirklich praktikable Lösungen parat zu
haben.
Aber das ist es immer noch nicht,
was wir meinen. Wir fangen ja auch gerade erst an, Sie in den „Kaninchenbau“ zu
führen.
Worum es uns geht: Unsere Welt ist so, wie wir sie kennen,
nicht real. Sie ist eine Scheinwelt,
aufgebaut von einer Matrix.
Sollte Ihnen dieser Gedanke abwegig
oder absurd erscheinen – kein Problem! Die „blaue Kapsel“ liegt zu Ihrer freien
Verfügung „auf dem Tisch“. Niemand wird Ihnen einen Vorwurf machen, wenn Sie
sie nehmen und so weiterleben wie bisher.
Wir wollen die Frage, wer diese Matrix unserer Realität
aufgebaut hat und wie das möglich ist, vorerst einmal zurückstellen, denn worum
es hier geht, ist vor allem, Ihnen zu ermöglichen, die Matrix zu erleben – zu erkennen, dass sie existiert.
Der Begriff „Matrix“ ist seit dem
gleichnamigen Film so etwas wie ein Modebegriff geworden, obwohl eigentlich
kaum jemand wirklich weiß, was er bedeutet.
Mathematiker verstehen unter einer
Matrix so etwas wie ein mathematisches Schema, eine Art Blaupause, mit der eine
Transformation, ein Projektionsvorgang, beschrieben wird.
Klingt kompliziert? Machen wir es
etwas anschaulicher. Wenn Sie eine zu kleine Schrift lesen wollen, benutzen Sie
im allgemeinen eine Lupe, durch die Sie hindurchsehen und die Ihnen ein
vergrößertes Abbild des Textes erkennbar macht.
Dieser Projektionsvorgang lässt sich
mathematisch beschreiben und z. B. auch in einem Computerprogramm künstlich
nachvollziehen – mit Hilfe einer Matrix.
Beachten Sie bitte auch, dass Sie,
so lange Sie durch die Lupe sehen, nicht mehr den realen Text betrachten,
sondern nur ein Abbild von ihm. Nicht nur, dass er Ihnen größer erscheint, als
er wirklich ist. Wenn Sie zum Beispiel Ihre Augen zum Rand der Lupe wandern
lassen, wird das Bild auch verzerrt. Die
Matrix hat also Fehler. Nicht, weil der Hersteller der Lupe schlampig
gearbeitet hätte. Es ist unvermeidlich,
dass sich durch einen Projektionsvorgang immer auch Verzerrungen und
Verfälschungen in das projizierte Bild einschleichen.
Jedes Abbild der Realität ist also
fehlerhaft und weniger real als das Original. Diese wichtige Tatsache müssen
wir im Hinterkopf behalten, denn sie wird uns helfen, die Matrix, die unsere
„Realität“ aufbaut, zu entlarven.
Im Fall der Lupe ist das kein
Problem. Wir wissen schließlich, dass wir durch sie hindurchsehen und dass der
Text in Wahrheit viel kleiner ist. Wir wissen auch, dass das, was uns
eigentlich interessiert, der Inhalt des Textes, durch den Projektionsvorgang
der Lupe nicht verfälscht wird.
Warum aber wissen wir das alles? Weil wir in der Lage sind, das Blatt Papier
mit dem kleingedruckten Text auch ohne Lupe zu betrachten.
Im Fall der Realität, die wir Tag
für Tag erleben, geht das leider nicht so einfach. Wir haben keinen „Morpheus“,
der uns mal eben aus der Matrix heraus in die „richtige“ Realität holt, von der
aus wir dann distanzierter auf all das schauen können, was wir früher für
„real“ hielten. Vielleicht ist das auch besser so.
Wir haben also keine Wahl. Wenn wir
die Matrix erkennen wollen, müssen wir das von innen heraus, also von der
Scheinrealität aus tun. Das macht unsere Aufgabe natürlich nicht leichter. Aber
auch wesentlich interessanter!
Es ist klar, dass zwischen einer so
einfachen Matrix (wie etwa für die Projektion mit Hilfe einer Lupe) und der
allgegenwärtigen Matrix, die unsere Realität aufbaut, gravierende Unterschiede
bestehen. Nicht nur, dass „die“ Matrix wesentlich komplexer und auch
komplizierter sein muss.
Die Matrix der Lupe ist auch
statisch. Egal, wie oft wir durch die Lupe hindurch auf das gleiche Blatt
Papier sehen, wir werden immer wieder dasselbe erkennen. Die Matrix unserer
Realität hingegen ist dynamisch. Unsere Welt, die wir erleben, ist nicht
statisch, sondern verändert sich ununterbrochen.
Auch dies ist zunächst eine lapidare
Feststellung, die jedem von uns bewusst ist. Natürlich verändert sich die Welt
Tag für Tag, zum Beispiel durch das Denken und Handeln der Menschen, die in ihr
leben. Die Nachrichtenredaktionen in aller Welt leben von dieser Tatsache.
Wer auch immer die „Macher“ der
Matrix sein mögen – sie sind intelligent und haben alle Vorkehrungen getroffen,
uns in Sicherheit zu wiegen, damit wir die projizierte Welt, die uns
vorgegaukelt wird, für die Realität halten.
Aber aufgepasst: diese
Veränderungen, die uns allen vertraut sind (auch wenn wir sie nicht immer
gutheißen mögen), haben eine wichtige Eigenschaft: sie verlaufen kontinuierlich. Sie folgen einer bestimmten Logik –
ein Ereignis zieht das andere nach sich, das Heute folgt dem Gestern –, die
unserem Denken zu eigen ist und im Grunde den normalen Ablauf innerhalb der
Matrix ausmachen.
Doch das ist nicht immer so. Auch
die allgegenwärtige Matrix hat Fehler. Um dies zu verdeutlichen, müssen wir uns
noch einmal in die Handlung des Films begeben.
Neo
ist mit Morpheus, Trinity und einigen anderen Kameraden in der Matrix
unterwegs. Auf dem Rückweg in ihre eigentliche Welt betreten sie ein
Treppenhaus und kommen an einer offenen Tür vorbei. Neo sieht eine schwarze
Katze vorbeilaufen. Nur Sekunden später wiederholt sich dieses Ereignis. Neo
ist erstaunt und ruft: „Wow! Ein Déjà-vu!“
Die
anderen bleiben wie erstarrt stehen „Was hast du gerade gesagt?“, fragt
Trinity.
„Nichts.
Ich hatte nur ein kleines Déjà-vu.“
„Was
hast du gesehen?“
„Da
kam gerade eine schwarze Katze vorbei und danach noch eine, die genau so
aussah.“
„Genau
so? War es dieselbe Katze?“
„Möglich.
Ich bin nicht sicher. Was ist denn?“
„Déjà-vus
sind oft Fehler in der Matrix. Das kann passieren, wenn sie etwas ändern.“
Die „Fehler in der Matrix“ sind es
also, die es uns erlauben, die Matrix zu erkennen, selbst wenn wir uns in ihr
befinden. Ob „sie“ das verursacht haben (wer immer das sein mag), oder ob sie
einfach dadurch entstehen, dass die Matrix nicht perfekt ist (nicht perfekt
sein kann), ist eine andere Frage. Wir werden später sehen, dass vermutlich
sogar beide Möglichkeiten existieren.
Wir werden Ihnen Ereignisse
schildern, die jedenfalls mit unserer herkömmlichen Weltsicht, nach der alles
logisch hübsch nacheinander geschieht, nicht erklärbar sind. Déjà-Vu-Erlebnisse
wie im Film gehören da noch zu den harmlosesten Beispielen. Die Geschehnisse,
die Sie im Verlauf dieses Buches kennen lernen werden, sind um vieles bizarrer.
Sie zeigen uns, dass tatsächlich mit
unserer Welt, wie wir sie kennen, etwas nicht stimmt. Genauer: Es ist nicht die
Welt, mit der etwas nicht stimmt, sondern nur das bequeme Bild, das wir alle
uns von ihr gemacht haben.
Unsere heutige Wissenschaft hat
nämlich für viele dieser bizarren Ereignisse schon Erklärungsmodelle parat. Der
Preis für diese Erklärungen ist jedoch hoch: man muss dafür eine umfassende
Wirklichkeit akzeptieren, die hinter unserer Alltagsrealität steht. Das, was
wir unser Leben lang für real gehalten haben, entpuppt sich als nur eine
Projektion dieser umfassenden Realität, geschaffen einzig und allein zu dem
Zweck, von uns wahrgenommen zu werden.
Und damit ist für Sie der Moment der
Entscheidung gekommen.
Vielleicht denken Sie so wie Cypher,
der Gegenspieler von Morpheus im Film „Matrix“, der in einer Szene sagte: „Unwissenheit ist ein Segen.“
An dieser Haltung ist im Grunde
nichts auszusetzen. In diesem Falle nehmen Sie ganz einfach die „blaue Kapsel“,
d. h. Sie klappen das Buch wieder zu und leben weiter wie bisher.
Wenn Sie aber jetzt in sich etwas
spüren, was mehr als Neugier ist, ...
wenn Sie das Bedürfnis haben, hinter
die Kulissen zu schauen, weil unsere Bemerkungen in diesem Kapitel in Ihnen
etwas berührt haben, was auch Sie schon Ihr Leben lang spürten, ...
wenn Sie also nicht nur leben,
sondern wissen wollen, ...
dann bieten auch wir Ihnen jetzt die
„rote Kapsel“ an und laden Sie ein, jetzt umzublättern und weiterzulesen.
Wir wollen nicht so vermessen sein
und mit Morpheus’ Worten versprechen, Ihnen „die Wahrheit“ zu bieten.
Doch das, was Sie jetzt lesen
werden, wird zumindest Ihr Bild von dem, was „real“ ist, einschneidend
verändern. Es wird Sie neue Zusammenhänge erkennen lassen.
Um ein letztes Mal Morpheus zu
zitieren: Wir können Ihnen nur die Tür
zeigen.
Hindurchgehen
müssen Sie allein.